Wildtierpflege – “mein” Igel namens Freitag

Ich erinnere mich: in meiner Kindheit hatten meine Großeltern immer wieder Igel als Überwinterungsgäste in einem Wäschekorb im Wandschrank stehen und wir Enkel durften unter gar keinen Umständen da ran!

Die Gründe, wie und warum Wildtiere in eine pflegebedürftige Situation kommen können, sind sehr vielseitig, weshalb jeder echte Tierfreund und Tierschützer mindestens ein gutes Buch zum Thema zu Hause oder zumindest die Nummer der jeweiligen Tierrettung im Handy eingespeichert haben sollte. Mit diesem Blogeintrag möchte ich vor allem auf die Hilfe zur Überwinterung eingehen.

Die allgemeine Klimaveränderung und die daraus folgende Verschiebung von Jahreszeiten, machen nicht nur uns Menschen zu schaffen und halb verrückt, auch unsere Wildtiere dürften sich oft denken: “Ja, bin ich denn im falschen Film?!”

An einem Freitag im Februar 2009, es lag ordentlich Schnee, wackelte Gino und mir zum Ende unserer morgendlichen Gassirunde ein Igel über den Weg und zumindest war mir klar, dass mit dem kleinen Kerl irgendwas nicht stimmen konnte. – Kein gesundes Wildtier unterbricht mal eben so seine Winterruhe bzw. seinen Winterschlaf.

Ich packte ihn kurzerhand ein, nahm zuhause eine Katzenbox, stopfte behelfsmäßig geschreddertes Papier hinein, dazu eine Schale mit Wasser und Katzennassfutter. – Ich musste schon bald los zur Arbeit.

In den wenigen Minuten, die mir noch blieben, fuhr ich meinen PC hoch und versuchte eine Igel-Auffangstation in meiner Nähe ausfindig zu machen, was mir eigentlich auch gelang.

Zumindest war eine Pflegestelle in Immendingen (ca. 10 Min. von mir entfernt) gelistet, aber als ich dort anrief, wurde ich ziemlich frech abgefertigt, dass man landkreistechnisch dafür nicht zuständig sei und ich mich an die Igelstation in Lindau (am Bodensee, ca. 2 Fahrstunden) wenden soll. Super Tierschutz! … landkreistechnisch …

Alles klar, Danke für das Gespräch! Diese “Kompetenz” war mehr als leicht zu toppen und so beschloss ich, den Igel zu behalten und selbst zu versuchen, ihn durchzubringen. Mein Wissen über Igel war normal, knapp über 08/15, doch bevor ich mir (und dem Igel!) so kommen lassen musste…

Um ein Überspringen etwaiger Igelflöhe auf Gino und / oder unsere Katzen zu vermeiden, stellte ich die Box fern ab vom sonstigen Geschehen.

HINWEIS: Alle Wildtiere stehen unter strengem Naturschutz und dürfen nur in offensichtlichen Notsituationen zur Pflege in menschliche Obhut genommen werden.

Nach Genesung müssen sie wieder ausgewildert werden, weshalb man den Kontakt mit ihnen (auch mit eigenen Haustieren) auf das Minimalste und Notwendigste beschränken sollte, um keine Zutraulichkeit aufkommen zu lassen.

Während der Fürsorge müssen sie so artgerecht wie irgendmöglich untergebracht werden. Wer dies nicht bieten kann, soll sich bitte an eine Auffangstation oder Pflegestelle wenden, um eine kompetente Anlaufstelle zu erhalten.

Nachdem ich mit der Arbeit fertig war, ich hatte mir den ganzen Tag Gedanken über die weiteren Vorgehensweisen gemacht, fuhr ich in einen Baumarkt, um mir Bretter für eine Igelkiste zuschneiden zu lassen, welche ich direkt vor Ort an der Theke (auf die Schnelle und aus dem Gefühl heraus) aufzeichnete: 1m lang, 70cm breit und 50 cm hoch sollte sie werden, mit Deckel.

In der Nähe des Baumarktes war ein Fressnapf, bei dem ich eine Packung Igelfutter mitnahm. Das geschredderte Papier gegen Heu und / oder Stroh auszutauschen, das ging bei dem ganzen Tohuwabohu unter.

Was ein Aufriss für so ein “bisschen” Wildtier, mögen jetzt vielleicht einige denken, aber … so bin ich halt … und das ist auch gut so!

Wieder zuhause, versorgte ich erst mal meinen eigenen Tierbestand, um mich anschließend voll und ganz auf mein Projekt “ein Igel namens Freitag” konzentrieren zu können.

Zuerst wurde die Kiste in Angriff genommen: zusammenschrauben, zwei Seitenteile und den Deckel mit Luftlöchern per Stichsäge versehen, Deckel und Kiste per Scharniere verbinden. Zeitung als Unterlage suchen, ein Karton zum Versteckhäuschen basteln und Näpfe aus meinem Terraristikbestand im Keller suchen.

Das Katzennassfutter hatte der kleine Kerl nicht angerührt, dafür fehlte etwas Wasser. – Gut so!

Natürlich war “Freitag” mit Igelflöhen besetzt, welche ich aber dank Frontline im Haus schnell entgegen wirken konnte.

ACHTUNG: wer bei eigenen Tieren noch nie eine erfolgreiche Flohbehandlung mit Frontline zum Sprühen selbst durch geführt hat, sollte auch bei Wildtieren die Finger davon lassen und jemand Erfahrenen darum bitten: Antiparasitenmittel zur äußeren Behandlung falsch verwendet, kann zu Tod durch Vergiftung führen!

Bevor ich ihn allerdings in die Kiste umsetzte, rief ich bei meiner damaligen Haustierärztin an, ob und was man aus vet.med.-Sicht noch machen könnte bzw. sollte?

Sie meinte: Nichts, womit ich mich allerdings nicht zufrieden geben wollte und eine andere, Tierarztpraxis kontaktierte. Dorthin konnte ich auch gleich kommen.

“Freitag” bekam eine Spritze gegen alle (den Tierärzten) bekannten Parasiten und zusätzlich erhielt ich noch Tabletten zum Untermischen ins Futter für die Folgezeit. – Ab jetzt war der Ausgang dieser Geschichte völlig offen, mehr konnte erst mal nicht getan werden.

HINWEIS: Die tierärztliche Versorgung von Wildtieren muss vom Finder / Pfleger nicht bezahlt werden. Die Kosten hierfür rechnet der Tierarzt mit dem Bund ab, da Wildtiere genau genommen “staatliches Eigentum” sind. Aber selbstverständlich steht es jedem frei, einen Obolus für die Hilfe zu geben.

”Freitags” Kiste stand in dem kühlsten Eck der Wohnung, möglichst abseits unseres alltäglichen Lebens, für mich aber doch leicht kontrollierbar.

Die Sache mit der Temperatur für ein Wildtier, ist ein recht heikles Thema: einerseits sind die Tiere eigentlich auf Kälte und somit Ruhen bzw. Schlafen eingestellt, andererseits hatte ich es mit einem Modell zu tun, das ohnehin mitten im Winter aufgewacht und uns torkelnd vor die Beine gekommen war.

Die folgenden 2 Tage trank und fraß “Freitag” wie ein Loch (Wasser – keine Milch! –, spezielles Igelfutter, Ei und Katzenfutter), sodass ich echt voller Hoffnung war, das Kerlchen durch zu bringen.

Obwohl die Kiste bis auf die Luftlöcher lichtundurchlässig war, hörte man ihn nur ab den Abend- sowie in den Nachtstunden tippeln.

Tagsüber, wenn er sich in sein Kartonhäuschen zurück gezogen hatte, säuberte ich die Kiste und füllte die Näpfe neu. Bilder machte ich durch die Luftlöcher oder den leicht angehobenen Deckel, ansonsten hatten wir keine weiteren Berührungspunkte.

Am Dienstag, “Freitag” war nun schon vier Tage bei uns, besorgte ich bei einem Gartencenter eine Schale Mehlwürmer, als besonderes “Highlight” für den Igel und wichtige Proteinquelle.

Als ich den Deckel öffnete, lag “Freitag” auf der Seite im Papierschnitzelhaufen und atmete sehr flach.

Ich rief bei der Tierarztpraxis an. Nun war guter Rat teuer: hatte er sich nun so satt und zufrieden gefressen, dass er zumindest in einen Ruhezustand verfallen war oder ging’s ihm nicht gut? Wärmflasche unterlegen bzw. Heizung hoch drehen oder nicht?

Aufgrund der voran gegangenen, tagelangen Fressorgie entschieden wir, nicht für unnötigen Stress zu sorgen und ihn einfach Schlafen zu lassen. – Die Mehlwürmer legte ich in eine Futterschale, damit er sich gleich darüber her machen konnte, sobald er aufwachte.

Leider verstarb “Freitag” in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch.

Da ich mir bzgl. der “Entsorgung” nicht zu helfen wusste, außer ihn zum Tierarzt zu bringen, aber auch seinen Tod nicht einfach so hinnehmen wollte, recherchierte ich im Internet und fand schließlich das Staatliche Tierärztliche Untersuchungsamt in Aulendorf.

Auch um einen Beitrag zur wissenschaftlichen Weiterbildung zu leisten, brachte ich “Freitag” dorthin, damit man hinter die Ursache(n) seines Todes kommen konnte.

Ich hätte jeden erdenklichen Hebel der Welt in Bewegung setzen können: “Freitag” hatte von Anfang an keine echte Überlebenschance, dazu war vor allem seine Lunge schon zu verschlossen und diverse, auf die Schnelle nicht bekämpfbare Innenparasiten taten ihr übriges.

*Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.*

Weitere Infos zum Igel und seine Pflege erhält man über Pro Igel e.V., Igelburg Mossautal sowie Igelhilfe Berlin e.V.

Nach diesem Erlebnis war ich noch mehr von Igel begeistert und spielte sogar mit dem Gedanken, mir nachgezüchtete Weißbauchigel zuzulegen. … Hallo, Sandra, geht’s noch?! Reichen dir deine vier Katzen, ein Hund, vier Kornnattern, ein Auto und ein Job noch nicht?! Ja, ok, ich seh’s ja ein!

*in diesem Sinn*
eure Sandra

Auszug Bundesnaturschutzgesetz § 45 Abs. 5: Abweichend von den Verboten des § 44 Absatz 1 Nummer 1 sowie den Besitzverboten ist es vorbehaltlich jagdrechtlicher Vorschriften ferner zulässig, verletzte, hilflose oder kranke Tiere aufzunehmen, um sie gesund zu pflegen. Die Tiere sind unverzüglich freizulassen, sobald sie sich selbständig erhalten können. […]

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