Psychoonkologischer Dienst

Eigentlich war diese Abteilung als kleiner Tipp, als kurz angerissene Empfehlung unter „Kurznotizen“ geplant. – Mal wieder kam es anders als gedacht.

Vor kurzem wurde ich auf der Straße von einer Frau wegen meiner Autowerbung angesprochen, sie bräuchte dringend jemand für ihre Katze. Ich erklärte ihr, dass ich aktuell nicht tätig sein könnte, da ich an Krebs erkrankt bin und wie aus der Hüfte geschossen, seufzte sie: Meine Schwester auch…

Vom ursprünglichen Tiersitterengagement kamen wir nun also auf das Thema Krebs zu sprechen. Als sie mir schließlich erzählte, dass sich ihre Schwester weigerte, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, um nicht als „Psycho“ oder „durchgeknallt“ abgestempelt zu werden, entschied ich mich zu einem eigenen Eintrag darüber.

Neben dem für Viele wahr gewordenen Horror an Krebs erkrankt zu sein, sind die psychischen Belastungen und deren Auswirkungen nach Außen offensichtlich auch ein großes, schwer lastendes Problem – oder sollten wir auch hier treffender sagen: ein großes, schwer lastendes Tabuthema?

Krebs ist kein Schnupfen. Psychische Belastungen, die Einen in tiefe Depressionen stürzen, bis hin zu Selbstmord führen können noch weniger. – Glaubt mir, ich weiß wovon ich rede…

Um mit einem weiteren Tabuthema mit aufzuräumen und dadurch vielleicht auch Menschenleben zu retten, Betroffene zu motivieren, die Gesellschaft zu sensibilisieren, mache ich mich also auch an dieser Stelle mit einem Schritt nach vorne gerade:

Mein Pragmatismus, das Vermögen differenzieren und situativ ausblenden zu können, mag in Lebensphasen wie dieser ein großer Vorteil sein. Allerdings bin ich bei Weitem nicht so abgeklärt, über allem stehend oder gar unkaputtbar, wie man meinen möchte. Ich verstehe es einfach nur, mich von Runterziehendem fern zu halten oder schleunigst zu distanzieren (bspw. Internetforen, Schlaumeier etc.), mich nicht länger als nötig mit schlechten Phasen zu befassen oder ewig und drei Tage zusätzlich in der Vergangenheit hängen zu bleiben.

Vor etwa zwei Wochen klopfte mir Jemand, der mich schon ziemlich lange kennt, anerkennend auf die Schulter und meinte: Du bist nicht kaputt zu kriegen, was?! Worauf mir augenzwinkernd: Schwer, sehr schwer! einfiel.

Noch in der Informationsphase überflog ich unter anderen ein Internetforum, welches sich für mich mehr als „Opfertreff“ darstellte, in dem man sich stundenlang mit viel Blabla gegenseitig zu motivieren und erklären versuchte. Will man sich das nicht antun, bleiben Einem noch drei Optionen: das persönliche Umfeld, es mit sich alleine ausmachen oder professionelle Hilfe in Form des psychoonkologischen Dienstes beanspruchen.

Anfangs nahm ich gerne die Angebote von Freunden von Nachbarn an, mich jederzeit melden zu können, wenn mir nach Reden war. Leider stellte sich nach und nach heraus, dass mein Umfeld nicht nur mit seinen eigenen Päckchen ordentlich beschäftigt, sondern mit >meiner< Thematik mehr überfordert war, als gedacht.

Irgendwann war ich Antworten wie: An stressigen Tagen brauch ich auch Mittagsschlaf. Eine stressige Woche schlaucht mich auch total. Die letzten Wochen waren wieder so aufreibend, ich fühle mich richtig ausgelaugt. Ich dachte schon, ich komme gar nicht mehr aus dem Loch heraus. Das wird schon wieder, Du musst nur durchhalten! leid.

Neben Beziehungskistenstreß und Aufreger auf der Arbeit, waren weitere Highlights Jene, die mit ihren eigenen oder bei Anderen miterlebten Krankengeschichten meinten, mich in Krankheit, Stadium, OP-Umfang usw. „toppen“ zu müssen.

Auch Erzählungen von und Vergleiche mit Personen, die entweder schon verstorben waren, eine falsche Entscheidung getroffen hatten (bspw. eine OP nicht haben machen lassen, dadurch schwerer erkrankten) und nun nur noch auf den Tod warten könnten – da hätte ich es doch vergleichsweise gut – , waren >meiner< Situation alles anderes als dienlich.

Man hört oft, dass sich Krebspatienten irgendwann zurückziehen … Ich denke, neben dem Schutzaspekt vor Infektionen kenne ich nun einen weiteren Grund.

Am besten gefielen mir schließlich die Ehrlichen, die mir ins Gesicht sagten, wenn sie sich hilflos oder überfordert fühlten oder sie so weit vom Thema entfernt waren, dass jedes Wort nur belangloses Zeug, so die übliche gesellschaftliche Phrase wäre.

Ganz wichtig bei der psychoonkologischen Betreuung: Man muss es selber wollen!

Als Angehörigen Einen dazu überreden wollen, wird nichts bringen. In den Augen eines Betroffenen hat der Angehörige schließlich überhaupt keine Ahnung, um was es geht – eine fast perfekte Ausrede, sich der Konfrontation nicht stellen zu müssen. Noch nicht!

Das erste Mal begab ich mich nach meinem mentalen Zusammenbruch, wenige Tage nach der ersten AC-Chemo in psychoonkologische Betreuung. Innerhalb der ersten fünf Monate ließ ich mir drei (oder vier) Sitzungen geben, wovon es so ziemlich jede in sich hatte.

Vielleicht hätte ich diese Betreuung in der Tat schon früher in Anspruch nehmen sollen? Als meine Mutter im März zu mir kam, gingen wir nach ihrer Ankunft mit dem Zug – wie sonst auch – in einem Discounter einkaufen. Einkauf ist mir meist ein Grauen. Wir liefen also durch die Gänge und plötzlich breche ich innerlich zusammen. All die offenbar gesunden Menschen um mich, meine Mutter war nicht zum Vergnügen da, ich spürte Tränen hochkommen, gab meiner Mutter zu verstehen, dass ich im Auto auf sie warten würde und schlich mich durch eine Kasse, das Gesicht möglichst von der Menge abgewandt nach draußen. Das „Ding“ ganz am Anfang hatte ich beinahe vergessen, fast erfolgreich verdrängt.

Selbstverständlich kommt bei solchen Sitzungen auch alter Rotz zum Vorschein, Therapeut und Patient müssen sich ja kennen lernen und vielleicht ist es wirklich nicht blöd, sich von so Manchem zu entledigen, das man im Lauf des Lebens irgendwann mal irgendwo eingepackt (bekam) und (vermeintlich) „gut“ weg gesteckt hat. Jetzt hat man schließlich Zeit genug, sich damit zu befassen und Niemand, der es nur gut meint, unterbricht einen ständig mit einer seiner eigenen Geschichten.

Ja, ich bin früher sehr viel für Andere gerannt, habe getan und gemacht und unter Umständen spielt(e) auch meine Erziehung eine nicht unwesentliche Rolle: freundlich, offen, hilfsbereit, allzeit rücksichtsvolles Verhalten (was man von der heutigen Gesellschaft ja nicht mehr erwarten und einem ggf. auch schwer zu schaffen machen kann). Mein, zugegeben, etwas ungewöhnlicher Werdegang, der sich viel auf Leistung und Kraft ausrichtete, gab sein Übriges dazu.

Ein offenes Ohr hier, eine zusätzliche Unterstützung dort, noch einmal mehr Leistung bringen müssen als Andere da… Viele wussten mich zu finden, wenn sie mich brauchen konnten: sei es für Kinder, ältere hilfsbedürftige Menschen oder eben Tiere: Zeller macht das schon, die kann das! (Und wir lehnen uns zurück.) Selbstredend, dass von genau diesen Leuten keine Hilfe zu erwarten zu war, wenn es mal, wobei auch immer, bei mir klemmte.

Im Lauf der Zeit kam ich natürlich immer wieder von selbst drauf, wer sich privat oder beruflich meine Substanz zu Nutze machte, sodass mein soziales Umfeld mit den Jahren immer luftiger wurde und heute eigentlich nur noch (wenn man so will) die Elite geblieben ist, in der es Neue relativ schwer haben, einen Platz zu bekommen.

Die Gesichter, wenn ich für einen „ach so dringenden Fall“ plötzlich die Kontaktdaten zu den entsprechenden Stellen heraus gab, statt mir Notizen zu machen, mit den Worten: Mach’s selbst! … Unbezahlbar!

Dass genau so eine Veränderung, so eine persönliche Wandlung unter die Rubrik >Sich selbst wichtig nehmen.< fällt, war mir wohl nicht so klar. Wie auch? Als Älteste von Drei einer überwiegend allein erziehenden Mutter, die sich zu meiner Kindheit nicht unter dem Schutz von Hartz4 ausruhen konnte, da war kein Platz für >Sich wichtig nehmen.<.

Da zählte Verantwortung übernehmen, zuverlässig sein, bei Vielem zurück stecken, sich zurück nehmen müssen. Heute bestimmen die kleinsten der Kleinen, welches Auto gefahren wird, wohin es im Urlaub geht und passt einem Zwerg etwas nicht, wird nicht nur das ohnehin konfliktscheue Elternhaus, sondern die ganze Nachbarschaft mit Hysterie tyrannisiert.

Der Aspekt >Sich (wieder) wichtig nehmen.< sollte spätestens mit Eintritt einer schweren Erkrankung (wieder) in den eigenen Fokus rücken. Nicht das, was die Gesellschaft erwartet, denkt oder sagt; oder erwarten, denken oder sagen könnte.

Kein Zwang, ständig „gesellschaftskonform“ sein zu müssen, um ja nicht „aus dem Rahmen zu fallen“ und die Gesellschaft in irgendeiner Art zu „enttäuschen“.

Ganz ehrlich Leute: Will mir einer in der heutigen Zeit erklären, ich sei nicht gesellschaftsfähig oder gar sozialkompetent genug, schau ich mich um, schalte Nachrichten ein, werfe einen Blick auf irgendeine Zeitung und schlagartig bin ich sowas von erleichtert! Am besten kommen solche Situationen natürlich, wenn man etwas mehr über den Hintergrund des Gegenübers weiß oder Leute gut einschätzen kann.

Freunde, jeder für sich dürfte ohnehin schon ein ordentliches Päckchen mit sich rum schleppen. Deshalb seid Euch gerade in Eurer aktuellen Situation nicht zu stolz, fremde, professionelle Hilfe anzunehmen.

Gleiches gilt für Angehörige, wozu neben der üblichen Verwandtschaft auch nahe stehende Freunde zählen. Um mit dem für Alle auf links gedrehtem Leben klar zu kommen, können sich diese ebenfalls mit dem psychoonkologischen Dienst in Verbindung setzen.

Doch nicht nur das auf Einen einprasselnde Negative kann überfordern, was einem „plötzlich“ Gutes und Hilfreiches widerfährt, muss man auch erst mal verstehen und sacken lassen können.

In den letzten Monaten erfuhr ich sehr viel Hilfe unterschiedlicher Art, die ich mir im Leben so nicht hätte vorstellen, geschweige denn wohl auch nie so leicht hätte annehmen können, wäre ich mir >meiner Wichtigkeit< durch die psychoonkologische Betreuung nicht bewusst(er) geworden.

Ohne Etwas bewerten zu wollen, ich bin jedem Einzelnen von Herzen dankbar, der mir in den letzten Monaten zur Seite stand, sich für meine „Befindlichkeiten“ und Bedürfnisse einspannen ließ und vielleicht auch noch weiter läßt, doch einer Sache möchte ich einen ganz besonderen Dank aussprechen:

Als es um meinen voraussichtlich einwöchigen Krankenhausaufenthalt im Juli ging, machte mir die Versorgung meines Fells das meiste Kopfzerbrechen: alt, chronisch krank, Medikamente bedürftig, seit langer Zeit an meiner Seite, so gut wie nie länger als einen Arbeitstag voneinander getrennt.

Meine Mutter wieder kommen zu lassen und mit ihr die kleine Wohnung teilen zu müssen (wenn auch nur für wenige Tage) war meinerseits gar nicht mehr denkbar: ich hatte mittlerweile leichte Probleme mit Zwangs-Aufenthalt in kleinen Räumen entwickelt und von diesem Raum noch etwas abgeben müssen … Sorry, no way!

Eine sehr liebe Bekannte, Maja, legte sich ins Zeug und organisierte einen Pflegeplatz, von dem man nur hat träumen können. Mir gänzlich unbekannte, versierte Menschen erklärten sich aus dem Stand heraus bereit zu helfen. – Außerhalb der Familie hatte ich bislang bei keinem Schicksalsschlag Vergleichbares erlebt.

Auf meine Frage, warum Maja dies mache, sagte Sie: Frau Zeller, Sie haben jetzt schon so viel für Andere gemacht, jetzt sind Sie mal dran! – Da musste ich richtig schlucken.

Die Zeit durch eine schwere Krankheit gehen zu müssen, kann – Nein, Halt! : wird zu einem Flutwellenbad von körperlichen, psychischen und mentalen Ereignissen, die sich Niemand vorstellen kann, der sie nicht auch selbst durchmacht / durchgemacht hat.

Das Meiste im Kampf gegen eine schwere Erkrankung – vorausgesetzt die Prognose gibt Anlass zur Hoffnung, ihn auch zu schaffen –  steht und fällt sicher vorallem mit der eigenen Einstellung, der körperlichen Konstitution, der Kraft und dem Durchhaltevermögen. Wenn man sich hierzu dann noch den „Luxus“ erlaubt, professionelle Hilfe an die Seite zu holen, hat man in der Regel ein gutes Paket zusammen.

Die eingangs erwähnte Frau stammt aus einem Kulturkreis, in dem Krebs immer noch gleich qualvolles Leiden mit einem nicht weniger schlimmen Tod bedeutet, weshalb darüber nicht groß gesprochen wird. Als die Schwester die Diagnose erhielt, überlegten die Schwestern sogar, ob sie es überhaupt den Eltern sagen sollten? Es der weiteren Verwandtschaft zu eröffnen, kam gar nicht in Fragen und beide Frauen haben immer noch schwer mit sich zu kämpfen, wie sie damit am Besten (jede für sich sowie zusammen) umgehen können.

Diese Frage kann sich letztendlich nur Jede(r) selbst beantworten.

Meine Entscheidung, den psychoonkologischen Dienst in Anspruch zu nehmen, weder „zu stolz“, noch „zu stark“ dafür zu sein, war goldrichtig. – Vielleicht auch für Dich?!

*in diesem Sinn*
Eure Sandra

Nachtrag, 01.08.18: Vor fünf Monaten befand ich mich in Reha, während der ich nicht nur zu neuen Kräften kommen, sondern mich auch von „Kollege“ Citalopram verabschieden konnte. Wie versteckt ruhend die mentale Belastung nach einer Krebserkrankung sein kann, wurde mir erst vor Kurzem bewusst: Krebstherapie hinter mich gebracht, gute Prognose, neue Arbeit gefunden, die Inanspruchnahme meines nebengewerblichen Haustierservices lässt doch nicht so lang auf sich warten wie gedacht … und trotzdem mutierte ich zu einer „Heulsuse“.

Sei es eine „rührselige“ Szene im Fernsehen (die ja laut Drehbuch so sein muss…), das immer mal dran denken, dass die noch verbleibende Zeit mit meinem Haustier, im Vergleich zu den zurückliegenden, gemeinsamen Jahren nur noch ein Bruchteil davon ist, die klare Ansage in einem Dokubeitrag über Hyänenleben und wenn Zwillingswelpen geboren werden, Eines davon garantiert sterben wird, weil es die Natur so vorsieht…  * PENG * Flenn!. – Als wenn ich schwanger wäre.

Verunsichert, sowas ähnliches wie leicht verzweifelt (ich kann doch nicht ständig bei jedem Furz, überall und egal, in wessen Anwesenheit anfangen zu heulen?!) und ein Stück weit auch – ja, wirklich! – hilflos, kontaktierte ich meine Psycho-Doc.

In unserem darauf folgenden Gespräch erfuhr ich zwar, dass diese – ich nenne es einfach mal so – „mentale Entgleisungen“ nach einer einschneidenden Zeit wie dem Kampf gegen Krebs normal sei, sie dies von vielen Krebspatienten hörte, doch es würde auch wieder nachlassen, sich eventuell sogar wieder ganz legen. – Nur auf das Wie? und Wann? erhielt ich keine Antwort.

Ok, dachte ich mir, zumindest weißt du jetzt Bescheid und kannst dich entsprechend darauf einstellen. – „Wir schaffen das!“ … Am Arsch!

Die Krönung folgte gegen Ende des ersten Monats, in dem ich endlich wieder arbeiten und dadurch endlich wieder richtiges Gehalt erwarten durfte: aufgrund jeder Menge um die Ohren haben müssend, bat mich meine Chefin etwa Mitte Monat, sie drei Tage vor Monatsablauf daran zu erinnern, mir das Gehalt zu überweisen. Ok.

Vier Tage vor Monatsablauf erhielt ich eine Whatsappnachricht, ich möge doch bitte ein bestimmtes Formular an eine neue Mitarbeiterin schicken, da der PC der Chefin (wieder) spinnen würde. O – k.

Der erste Arbeitsmonat nach einer wahren Scheißzeit ging zu Ende. Ich hatte mir den Lohn redlich verdient. Der PC der Chefin (die aus Zeitersparnisgründen nur noch Onlinebanking macht) spackt vier Tage vor Monatsende – zwei davon waren ein Wochenende – mal wieder rum. Auch wenn ich sie daran erinnern würde, könnte sie überhaupt überweisen? Wenn sie nicht überweisen können sollte, würde sie Zeit finden, ans Serviceterminal der Bank zu gehen, um von dort aus die Zahlung veranlassen zu können? Eher nicht, denn sie ist ja immer sehr eingespannt; deshalb bin ich ja jetzt zu ihrer Entlastung mit im Team. Wenn sie nicht zum Serviceterminal kommt, der PC blöd tut, nicht auf die Reihe gebracht werden könnte, demnach keine Lohnzahlung erfolgt …. Der aufkommende Gefühlscocktail aus Hilflosigkeit, Verzweiflung, Existenzangst, Verärgerung über einen bekannterweise labilen PC …

Dass wir in den letzten Jahren immer wieder zusammen sowie für- und miteinander den ein und anderen Karren aus dem Dreck gezogen hatten, kam mir nicht in den Sinn.

Stattdessen driftete ich in den dunkleren Teil der Vergangenheit, in dem ich mich schon zweimal in vergleichbaren Situationen befand (nur der Krebs fehlte). Ich beschloss, meinem PC einen freien Sonntag zu gönnen, das Formular auch noch Montag raus kann (ich reiß‘ mir keine Beine mehr aus), wodurch mir Zeit bliebe, abzuchecken, wie ernst es meiner alten Freundin und zugleich neuen Chefin mit einer pünktlichen Lohnzahlung ist?

Ich will nicht leugnen, dass ich einer gewissen Panik verfiel, wieder zu verlieren, wieder von anderen (mit negativen Folgen für mich) abhängig zu sein, wieder auf etwas Wichtiges keinen Einfluss zu haben, wieder dies, wieder das, wieder jenes. Meine Gedanken gaben sich jedes nur erdenkliche Fahrgeschäft der weltweiten Jahrmärkte, es fehlten eigentlich nur die 3,8 im Turm und ich kam aus dem, sich eher hysterisch anfühlendem Was wenn…? Was wie….? Was dann…? -Geheule nur schwer wieder raus.

Immer noch Citalopram im Schrank habend, setzte ich es kurzerhand ab dem Folgetag wieder ein.

Bei nächster, persönlicher Gelegenheit – am vorletzten Tag des ersten Arbeitsmonats – sprach ich meine Chefin  auf ihren PC an und machte deutlich (zugegeben: vielleicht einen Tick zu brüsk), dass ich beim Thema Existenz nicht den geringsten Spaß verstünde. – Wie sich herausstellte, sie auch nicht!

Die Lohnzahlung erfolgte überaus pünktlich: vormittags überwiesen, befand es sich bereits am Nachmittag auf dem Konto. Ich atmete auf. – Doch Halt! War diese Zuverlässigkeit echt oder nur aufgrund meiner Ansage und bei der nächsten Zahlung geht es nicht so glatt? …

Der „Vorteil“ (wenn man es so nennen mag) von einer bereits durchgezogenen Therapie mit Psycho-Drops ist, dass die Wirkung in der Regel schneller einsetzt, als zum ursprünglichen Beginn und trotzdem verfügt Citalo über kein Abhängigkeitspotential, sofern man auch selbst nicht allzu labil ist.

Die mentale Belastung, die eine schwere Erkrankung trotz aller guten Verläufe, aller positiven Erlebnisse, aller motivierenden Zusprüche und Taten Dritter mit sich bringt, rückt irgendwann nur in den Hintergrund. Weg, geschweige denn tatsächlich überstanden, so gestärkt und gut man sich auch immer fühlt / glaubt, zu fühlen, ist sie dagegen noch lange nicht.

Für Betroffene bedeutet das: seid Euch auch nach Ende der akuten Strecke niemals zu sicher, was Eure mentale Stärke angeht. Für Angehörige: glaubt ihnen, glaubt uns nicht immer gleich und endgültig, dass alles „schon ok“ ist und „schon wird“. Doch behandelt uns auch bitte nicht wie rohe Eier, was den nächsten Weinanfall provozieren könnte. – Alles nicht so einfach. …

Nehmt psychologische sowie psychopharmazeutische Hilfe in Anspruch, alleine muss (und wird) es Niemand schaffen!

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