Wildtierhilfe Bio-Top e.V. – fünf Jahre später

Seit meinem ersten Eintrag 2013 über Bio-Top e.V. hat sich in Volkertshausen sehr viel, in alle möglichen Richtungen, getan.

Mit diesem Artikel möchte ich einen Blick hinter die Kulissen ermöglichen und ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern, um Allen, die es interessiert (grundlos werdet Ihr nicht auf meinem Blog unterwegs sein), mal das wahre Ausmaß geistiger Diarrhö vor Augen zu führen, dem Mitarbeiter von Wildtierstationen und Tierrettungsdiensten täglich gegenüberstehen und nahezu hilflos ausgeliefert sind.

Dass Wildtiere (immer noch) keine Lobby haben, sieht man in erster Linie an der Gesetzgebung.

Auch wenn sich Deutschland den Tierschutz als „Staats“ziel auf die Fahne geschrieben haben will – Artikel 20a GG: Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung. – lassen Umsetzung und Einhaltung sehr zu wünschen übrig, sobald  finanzielle, kommerzielle Interessen oder „social correctness“ ins Spiel kommen. Hierzu folgt in Kürze ein eigener Eintrag.

Mein gestriger Besuch bei unserer einzigartigen Wildtierhilfe, das endlich persönliche Kennenlernen der schweizer Tierambulanz Animal Rescue und unser Austausch, gaben mir den letzten Funken Anlass, diesen Eintrag zu verfassen. – Ich weiß jetzt schon: er wird sehr Vielen (den Guten, den Besseren, den Bemühten, den 100%igen Tierfreunden, den sozialpädagogisch Korrekten usw.) nicht gefallen. Mir sowas von egal! – Komischerweise gibt Jeder vor, Wert auf Ehrlichkeit zu legen, doch die Wahrheit verkraften dann doch nur die Allerwenigsten…

Grund des Kommens von Animal Rescue war die traurige Tatsache, dass weitere fünf Schwanenküken ihre Eltern verloren hatten, weil sie ihre Zelte am – allein auf menschliche Befindlichkeiten ausgerichteten – „falschen“ Ort aufgeschlagen hatten. Diese Fünf waren nun der Abschluss einer beispiellosen Tragödie in Schaffhausen, in der von insgesamt 23 Schwanenküken nur ACHT die ignorante Arroganz seitens des angeblich höchstentwickelten Lebewesens dieses Planetens überlebten; und das auch nur, weil sie vom Ort des Übels weg geholt wurden.

Nichts desto trotz: es ertranken nicht „nur“ 15 Schwanenküken, da der einzige für Schwäne jeden Alters mögliche Zu- und Ausgang beim Rhein an dieser Stelle, durch geparkte Boote für ein „ach so wichtiges Event“ versperrt wurde, es wurden damit auch mehrere Schwanenfamilien auseinander gerissen.

Eine Rück- und Zusammenführung getrennter Mitglieder einer Schwanenfamilie ist extrem schwer und nach einer gewissen Trennungszeit nicht mehr möglich.

Hinzu kommt mitunter das Dilemma, die Küken den richtigen Elterntieren zuzuordnen, um keine tödlich endende Hakerei zu provozieren.

Im Gespräch mit Ricky von Animal Rescue und Yvonne von Bio-Top e.V., fühlte ich mich schnell am Rande verbalen Synchronschwimmens stehend…

Wer einen Verein ins Leben ruft, ist, um den Laden am Laufen zu halten, sehr vielen Faktoren unterworfen, die meist in Abhängigkeit von Existenz, Wohlgefallen und Zuverlässigkeit der Spender, Mitglieder, Gönner, Sponsoren, Nachbarn, dem Idealismus, der Hilfsbereitschaft von Ehrenamtlichen, den politischen wie wirtschaftlichen Vetterles einer Stadt oder Gemeinde,  Ämtern, Behörden und manchmal auch von nur einer einzigen Sachbearbeiternase stehen; wehe, wenn der Sex am Vorabend schlecht war oder gar ausblieb, die Schwiegermutter ihr Kommen angekündigt hat oder der private Haussegen warum auch immer, immer noch schief hängt.

Die am liebsten aufgestellte Behauptung, soll es dem Einzelnen der Gesellschaft bezüglich einer Mitverantwortung „an den Kragen gehen“ ist: als Verein hat man genügend Geld, man bekäme ja auch jede Menge Zuschüsse vom Staat, hätte zahlende Mitglieder (was der Backenpluster dagegen nicht ist), man bräuchte sich nicht auch noch einbringen (lassen müssen).

Fakt ist, anhand von Bio-Top e.V. als Beispiel und in Vergleich zu den „Großen der Szene“ (Nabu, BUND) gesetzt – nachlesbar in den jeweils veröffentlichten, im Internet abrufbaren Jahresberichten:

Während sich die „Großen und Bekannten“ , bei einer [nett formuliert] Arbeitsleistung nach Öffnungszeiten, ohne jede Option auf eine Notfall-Belegschaft außerhalb dessen, geschweige denn Notfall-Erreichbarkeit auch an Sonn- und Feiertagen, mitten in der Nacht, noch vor dem Aufstehen etc.  oder gar eine Annahme, zumindest für eine erste Notfallversorgung zu bieten, gefolgt von einer schnellen Organisation, spezifizierte Pflegeeinrichtung zu kontaktieren,  seitens des Landes Baden-Württemberg und der jeweiligen Städte / Gemeinden über regelmäßige, gesicherte Zuwendungen in gut fünfstelliger Euro-Höhe freuen können, haben kleine Vereine wie Bio-Top e.V. in Deutschland und / oder Animal Rescue in der Schweiz schwer damit zu kämpfen, den allgemeinen Bedarf hauptsächlich mit Spenden und Mitgliederbeiträgen gewuppt zu bekommen.

Was dies unter Umständen an physischen, psychischen und mentalen Belastungen für die Mitarbeiter, die Einsatzkräfte, die Ehrenamtlichen, die vielen ehrlich Engagierten bedeutet, davon macht sich keiner ein Bild, daran verschwendet keiner einen Gedanken. Wie sieht’s damit bei Dir aus?

Die Verantwortlichen kleiner Vereine ohne Lobby zum Thema, beißen sich täglich mindestens ein Mal auf die Lippen, um es sich ja mit keinem zu verscherzen, der einem zwar selbst höchst arrogant entgegen tritt, jedoch irgendwann mal nützlich sein könnte. Behörden und Vetterles-Ämter gegenüber wird eine Friede-Freude-Eierkuchen-Fassade aufrecht erhalten, weil man sonst Repressalien in Form von Ablehnung von Anträgen, Entzug von bisherigen Genehmigungen, Einstellen von bisher erhaltenen Zahlungen, die eher der berühmte Tropfen auf den heißen Stein gleich kommen und so weiter und so fort erwarten kann. Wie gut, dass ich in diesem Fall Privatmensch bin…

Bezüglich der Mädels von Bio-Top e.V. wird sich mir gegenüber oft versucht zu beschweren, wie unfreundlich, unwirsch, unverschämt man sich entweder bei persönlicher Abgabe eines Fundtieres oder am Telefon behandelt fühlte – das Ursache-Wirkungs-Prinzip wird jedoch erst mal ausgeblendet; schließlich ging es um den eigenen Schlips, der durch einen Tritt darauf beschmutzt wurde.

Mit aus diesem Grund steht nun dieser Eintrag hier, denn ob Ihr’s glaubt oder nicht: Leute wie Yvonne und Ines von Bio-Top e.V., Ricky und sein Team von Animal Rescue sowie all die anderen, die sich ebenfalls ehrenamtlich zur Verfügung stellen sind …. *Trommelwirbel* …. * oh Wunder da schau guck! * … auch nur Menschen! Wer hätte das nur gedacht, bei dem was derenseits oft Übermenschliches geleistet wird?

Frechheiten und anmaßendes Verhalten, die sich Menschen wie Yvonne, Ines und Ricky bieten lassen müssen, sind unter anderem …. – die nachfolgende Aufzählung stellt nur einen Bruchteil dessen dar, was sich gegenüber den nahezu ständigen Einsatzkräften, ohne mit der Wimper zu zucken heraus genommen und im gleichen Atemzug Nettigkeit gefordert wird:

  • Anrufe von Findern, die Wildtierhilfe / der Rettungsdienst sei für die Bergung / die Abholung des Fundtieres zuständig und habe jetzt und gleich – sofort!! – zu kommen, man selbst hätte schließlich noch was vor. – Höchste Entrüstung bricht aus, wenn genau dies nicht bewerkstelligt werden kann und man als Finder selbst tätig werden soll. Nicht selten werden die Tiere schließlich wieder sich selbst überlassen oder diese Option als primitiver, emotionaler Erpressungsversuch angekündigt.
  • Rettungs- und Bergungsmaßnahmen werden verhindert oder behindert, weil entweder der Anrufer selbst oder beistehende Gaffer plötzlich alles besser wissen, es nicht schnell genug geht. Dies kostet die Einsatzkräfte wertvolle Zeit und Nerven.

Werden solche Typen schließlich zurecht gewiesen, schlagen nervige Besserwisserei, lästige Schaulustigkeit und / oder emotionale Belastungsgrenzen nicht selten in Aggression gegen die Einsatzkräfte um.

  • Mitgliedschaften werden beleidigt gekündigt, weil man nicht mal eben so mit den (Enkel)Kindern vorbei kommen, die süüüßen Tierchen angucken und das „natürliche Recht“ der Kontrolle beanspruchen kann, wofür das persönlich gespendete Geld eigentlich verwendet wird. – Wenn mancher Geldbeutel nur über die gleiche Spannweite wie das jeweilige Ego verfügen würde, könnten sämtliche Wildtierhilfen und Tierrettungsdienste sorgenfrei, weil ordentlich gepolstert, ihren Aufgaben nachgehen.

Davon abgesehen, sind Wildtierhilfen reine Auffang- und Pflegestationen, keine Zoos, wofür man zudem eine besondere Genehmigung benötigt. Man spaziert doch auch nicht in ein Krankenhaus oder Hospiz, öffnet eine Patientenzimmertür nach der Anderen, nur weil man mal eben so sehen und kontrollieren möchte, ob auch Alles mit rechten Dingen zugeht?

  • Tagsüber gefundene Tiere werden erst in den Abendstunden gemeldet oder vorbei gebracht. – Das Gefühl von Feierabend eines normalen Arbeitstags, in Kombination mit einem einsatzreichen Tag als Ehrenamtlicher, wird in der Tat überbewertet.
  • Tagelang in Selbstversuch gehaltene Tiere werden als eben erst gefunden ausgegeben, was durch die Experten mit sicherem Blick, aus der Erfahrung heraus, sofort durchschaut wird. – Verarschen können auch sie sich allein.
  • Vor langer Zeit gefundene Wildtiere, hauptsächlich Greifvögel, werden zur persönlichen Deko einbehalten und erst wenn die Haltungsansprüche, das Verhalten des Tieres oder der Gesundheitszustand desselben den Möchtegern überfordert, wird auch so ein Tier als eben erst gefunden deklariert.

Oftmals sind Tiere mit derartigen Hintergründen nur schwer bis gar nicht mehr zu retten, geschweige denn wieder in die Natur zurück zu geben. Ihnen droht entweder die sinnlose Einschläferung oder ein Leben in Gefangenschaft; dass unter Umständen eine Familie zerrissen wurde, Jungtiere starben, weil nur ein Elterntier die Versorgung nicht auf Dauer aufrecht halten kann, darauf kommen die Vollpfosten der Nation natürlich nicht.

„Viele verlieren den Verstand deshalb nicht, weil sie keinen haben.“
(Arthur Schopenhauer, dt. Philosoph, 1788 – 1860)

  • Die Mehrheit von Einsätzen und Tieraufnahmen laufen in der Regel immer gleich ab:
    – Finder kommt mit Tier / ruft an.
    – Tier wird übernommen.
    – Kontaktdaten werden fest gehalten.
    – Finder verabschiedet sich.
    – Nicht nur die Arbeit, auch die Kosten bleiben an den Einrichtungen hängen.

Würde jeder Finder eines Wildtieres nur den Bruchteil dessen als Spende da lassen, was man zu Silvester in Kracher investiert … meine Fresse, ginge es vorallem den kleinen Vereinen gut und man hätte in was wirklich Sinnvolles investiert!

Konstant ordentliche, zuverlässige Hilfe zu finden ist gerade für kleine Vereine, bei denen es in der Tat um Leben und Tod von grundsätzlich hilflosen, den Unwesen der Menschenwelt ausgelieferten Lebewesen geht, noch schwerer als im normalen Arbeitsleben, sodass jede Menge Arbeit auf viel zu wenige Leute verteilt werden muss.

Wie schwer es ist, gutes „Personal“ zu finden, konnte ich letztes Jahr am eigenen Leib erfahren, als ich mich aufgrund meiner Krebserkrankung bei Bio-Top heraus nehmen musste und das Büro (ebenfalls) wieder zu explodieren drohte. Da es sich bei „meinem“ Ressort um einen Bereich mit extrem sensiblen Daten handelte, konnte man auch nicht jeden x-Beliebigen dran setzen, sodass jemand ebenso Büroaffines für Lau, „für den guten Zweck“, gefunden werden musste.

Im Glauben, genau das geschafft zu haben, begab ich mich schließlich in die Krebstherapie und kam gar nicht dazu, auch nur eine Sekunde daran zu denken, ob alles gut lief.

Etwa fünf Monate später, ich wollte mich über den Stand der Dinge und meinen Ersatz erkundigen, klang das Ende vom Lied folgendermaßen: da man(n) sich freundlicherweise dazu bereit erklärt hatte, anfallende Aufgaben – „für mich“ – in der Freizeit abzuarbeiten, musste sich Bio-Top damit zufrieden geben, wenn überhaupt etwas getan wurde. Bitte?

Und ihr könnt mir glauben: es war nicht viel, das „geleistet“ wurde.

Ich reaktivierte mich soweit möglich und hatte innerhalb kürzester Zeit nahezu 90% des angesammelten Pensums erledigt. Die restlichen 10% waren der Statistik geschuldet, für deren Pflege grundsätzlich eine hohe Konzentration benötigt wird, wozu ich in dieser Zeit nicht mal im Ansatz fähig war.

Ja, liebe Leute, so sieht das aus. Hätte können wollen würden …. möchten Viele, doch nur die Allerwenigsten haben auch wirklich das Zeug dazu.

Mit einem Appell für mehr Beachtung sowie Respekt gegenüber Ehrenamtlichen und Verständnis, wenn der Ton „unverdient“ und / oder „unerklärlich“ mal rauer ist, schließe ich diesen Eintrag und überlasse es nun jedem Einzelnen von Euch, selbst zu reflektieren.

*in diesem Sinn*
Eure Sandra

>> Bio-Top e.V.       >> Animal Rescue

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.