Der Mensch: das *piep* de luxe

Ich erinnere mich zumindest noch daran, wie ich zwischen Kindheit und Jugend steckend eine Sendung sah, in der Kinder- bzw. Jugendgruppen mit relativ einfachen und doch lehrreichen Aufgaben gegeneinander antraten. Eine dieser – wie es heute heißt – „Challenges“ forderte sinngemäß: Gehe durch deine Stadt und fotografiere das größte und schlimmste Raubtier.

Die meisten Gruppen steuerten gleich den Zoo an und schließlich gab es eine Gruppe, die viele Passanten auf einem großem Platz baten, sich gemeinsam für das Foto aufzustellen… Was Heute, mit all den perfekten, guten und vorallem besseren Zeitgenossen undenkbar ist: ohne Theater erklärten sich die Meisten, weil die paar Minuten Zeit habend, dazu bereit.

Auch wenn sich dieses „Spiel“ damals in meinen Kopf einbrannte und mich vermutlich ein Stück weit mit zu dem nachdenklichen Menschen machte, der ich sein kann, verstand ich diese Umsetzung der Aufgabenstellung nicht wirklich. – Der Mensch war doch kein Tier?! Heute, bei der vorherrschenden Gesellschaft, Politik und größtenteils nicht mehr vorhandener Kindererziehung, verstehe ich nahezu die Welt nicht mehr.

Letztes Jahr, während ich monatelang gegen meinen „tierischen“ Feind, den Brustkrebs, antrat, ich streckenweise zu viel Zeit zum Nachdenken hatte und auch immer wieder wahnsinns tiefsinnige Bildchen geschickt bekam, kam mir schließlich ein eigener Sinnspruch in den Kopf, der heute über einer Fototapete mit Waldmotiv, die Wand meiner Wohnung ziert:

Es braucht die Ruhe der Natur und die Stille der Tiere, um sich von den Menschen zu erholen.

Wieviel Wahrheitsgehalt dieser Satz in sich trägt, erkennt man nicht zwingend, wenn man „nur“ mit den üblichen Nutz- und Haustieren zu tun hat. Um den Level eines (angehenden) Misanthrops zu erreichen, bedarf es meiner mittlerweile erlangten Erkenntnis nach, den Blick weit über den Tellerrand, wozu nur ganz Wenige ehrlich bereit und wirklich in der Lage sind.

Über mehrere Jahre half ich unserer Wildtierhilfe Bio-Top im Hintergrund, indem ich „Bürokram“ erledigte, wozu unter anderem auch die Pflege der Statistik über die eingelieferten Wildtiere gehörte und ich kann Euch sagen: soviel Essen, wie man zum Kotzen bräuchte, liest man Warum das ein und andere Tier bei Bio-Top landet oder stirbt … soviel Essen gibt es auf der ganzen Welt nicht! Und (nicht nur) ich kann den lapidaren Spruch: … das ist natürliche Auslese… nicht mehr hören.

Platt gefahrene Igel und Vögel auf der Straße; durch zahlreiche Freigängerkatzen weg gefangene Jungtiere; Elterntiere, die durch die domestizierten Lauerjäger von der Versorgung ihrer Brut abgehalten werden; angefahrende große Wildtiere; sich in Zäune und Netze verfangende Greifvögel; aufgespießte Tauben; durch Windräder geschredderte Zugvögel; „rasierte“ Wildtiere durch illegale, nächtliche Mähaktionen der Landwirte; Giftköder hier, Stromfallen da, Rodung von Lebensraum dort… Soviel zur natürlichen Auslese.

Das heimische Wildtiersterben, die Bestandsdezimierungen, das Arten(aus)sterben können schon lange nicht mehr einzig und allein mit natürliche Selektion verharmlost werden. Vorallem dann nicht, wenn ein Faktor nicht nur zwischenartlich biotisch, sondern auch künstlich erstellt der Natur das Leben schwer macht: der Mensch.

Bevor in Kürze meine ehrenamtliche Tätigkeit bei Bio-Top zu Ende geht, möchte ich die Gelegenheit ergreifen, mit einem groben Überriss der nachfolgenden Szenen darzulegen, wozu das angeblich ach so höchstentwickelte Lebewesen auf diesem Planet, in seiner ganzen Pracht von Arroganz, Ignoranz, Selbstüberschätzung und / oder blindem Aktionismus fähig ist.

2015…

… findet ein Kind einen Tannenmeisennestling, läuft damit freudestrahlend zu seiner Mutter und erhält die pädagogisch sinnbefreite Erlaubnis, das süüüüüße Vogelbaby mit zum Sommerfest der Familie zu nehmen, um es allen zu präsentieren. – Erst (zu) viele Stunden später wird Bio-Top über den Fund informiert und welcher Tortur der Vogel ausgesetzt war. Selbstverständlich kann man einen Wildtierfindling nicht mal eben, geschweige denn zeitnah zu einer kompetenten Pflegestation bringen, wenn ein ach so wichtiges, stundenlang dauerndes Familiefest ansteht. Es versteht sich wohl und leider von selbst, dass dieses Tier NICHT überlebt hat. – Hauptsache, Mama ist die Beste und die Plagen hatten ihren Spaß.

Mit denkbar einfachen Maßnahmen können, für (Wild)Tiere Tod bringende Gegenstände, „entschärft“ werden. – Für Regenrinnen gibt es im Handel entsprechende Vorrichtungen, womit das Fallrohr nicht mehr zur TodesFALLe werden muss.

… wird in Abwesenheit der Elterntiere ein Mardernest mit Jungen im Dach eines Hauses geräumt; die Jungtiere werden kurzerhand sich selbst überlassen im Wald ausgesetzt. Dank eines Tipps konnte in diesem Fall entsprechend gehandelt werden.

2016, …

… schöner Garten hin oder her. Ein großer „Tierfreund“ bedauert den „unerwarteten“ Ertrinkungstod eines ausgewachsenen Igels in seinem Teich, weil keine Ausstiegsmöglichkeit – ein einfaches Brett zum darauf laufen – bedacht war.

… stellt sich die „Rettung“ zweier Wacholderdrosselküken bei Tübingen, während eines Grundschulwandertages, ebenfalls sozial pädagogisch hirnfrei dar: die Tiere werden „gerecht“ auf zwei Kinder aufgeteilt. Während sich die Familie des Einen noch am Fundtag selbst auf den Weg nach Volkertshausen macht, hat die Familie des Anderen noch „wichtige Termine“.

Das Angebot, beide Tiere in einer Fahrt nach Volkertshausen zu bringen, wird aufgrund der „pädagogischen Vermittlung von persönlichem Verantwortungsgefühl“ (von Anfang bis Ende selbst dafür gerade stehen) abgelehnt. – Na, da hat sich der Bock ganz schön selbst zum Gärtner gemacht.

… wird eine Hegauer Grundschullehrerin von ihren Kollegen und sogar vom Direktoriat angegangen, als sie sich bei Fund eines, auf dem Boden sitzenden, noch flaumigen Jungsperlings „erlaubt“, den Bereich großräumig abzusperren und auch zur Pausenzeit zu bewachen, bis jemand kommt, ihn zu holen. – Es drohte ihr fast eine Disziplinarstrafe…

Letztendlich stellt sich heraus, dass es sich bei dem Tier um einen streng geschützten Feldsperling handelte und die Lehrerin nicht nur fachlich, sondern auch menschlich absolut richtig gehandelt hat! Kollegschaft und Direktion entschuldigten sich schließlich bei ihr. >:)

Obwohl die Zerstörung und / oder das Entfernen von Wildtierhabitaten im Tiersch(m)utz-Deutschland eigentlich grundsätzlich strengstens verboten ist sowie Veränderungen an Büschen, Hecken und Bäumen in der Brutzeit von März bis August eigentlich zu unterlassen sind, sind Bau-, Abbruch-, Sanierungs-, Renovierungs-, Garten- und Baumfällarbeiten ein weiteres, großes Übel, dem Wildtiere durch Menschen ausgesetzt sind.

2016…

… beauftragt eine Hausbesitzerin die Tierrettung, Nester von Hausrotschwänzen aufgrund (angeblich) geplanter Baumaßen vom Haus zu entfernen.

… bestellt ein Hausbesitzer den Kammerjäger, der zum Glück Siebenschläfer von Ratten unterscheiden kann und statt die Eliminierung, die sofortige Evakuierung der Tiere veranlasst.

… sorgt ein mehrtägiges Zeltlager der Jugendfeuerwehr für den Super-Gau, der deutschlandweit mediale Kreise zog und von dem sich die Station bis Heute – Sommer 2018 – nicht wirklich erholen konnte:  über mehrere Tage campierten am anderen Ende von Volkertshausen an die 750 Jugendliche mit, ich glaub, an die 150 Betreuer.

Diese Möwe stand kurz vor der Rückkehr an den See. Da sie sich vor Panik u.a. den Flügel abriss, ging die letzte Reise ganz woanders hin… Hiermit setze ich sie stellvertretend für alle Tiere, die menschlichen Bedürfnissen ohne Hirn und Verstand zum Opfer fallen. – Jugendfeuerwehr-Camp 2016, Volkertshausen

Im Rahmen einer „coolen“ Nachtwanderung, die nicht nur quer durch Volkertshausen gelegt wurde, sondern auch direkt an der Auffangstation vorbei in und aus dem Wald führte, kamen aufgrund der Panik, durch den plötzlichen Lärm- und Lichterpegel, zahlreiche gesund gepflegte, kurz vor der Wiederauswilderung stehende Tiere entweder gleich ums Leben oder verletzten sich erneut, sodass sie weiter in der Station bleiben oder von ihren Qualen erlöst werden mussten.

Um die Worte, des seit 1983 amtierenden Bürgermeisters von Volkertshausen aufzugreifen, bleibt fest zu halten, dass man nicht davon ausgehen kann oder muss, dass sich in der Zeit zwischen zwei derartigen Veranstaltungen („nur“ ca. fünfzehn Jahre) in dem Maß Veränderungen ergeben, dass es neuer, eventuell besonderer Umsicht bei der Planung bedarf.

Natürlich ist es vollkommen unrealistisch und kommt auch so gut wie nie irgendwo auf diesem Planeten vor (vorallem nicht im Großherzogtum Volkertshausen), dass sich innerhalb von Jahren oder Jahrzehnten irgendetwas verändert. Da hätte man auch echt von selbst drauf kommen können, oder?

Die Zuwendungen, die Bio-Top seit dem Vorfall erhält, sind zwar nett, doch decken lange nicht den Bedarf, um endlich wieder auf einen annähernd grünen Zweig in Sachen Zeit und Geld zu kommen. Um einigermaßen wieder frei atmen zu können, bedürfte es einer Finanzspritze von etwa € 100.000,- pro Jahr, wie sie den „großen“ und „bekannten“ Organisationen zugute kommen, die fachlich allerdings nur einen Bruchteil von dem leisten (können), was Bio-Top täglich aufs Parkett legt.

2017 …

… kündigt ein weiterer Hausbesitzer und Vermieter an, Nester von Mauerseglern, mit der 2018 anstehenden Sanierung verschließen zu lassen.

… „stört“ sich ein Autohändler an der Höhe einer Tanne. Er lässt deren Spitze abschneiden, in der Störche ein Nest hatten.

… muss ein aufgefundener Star drei Tage in der Wohnung der Finderin ausharren, begleitet vom „Expertenrat“ einer benachbarten Sittich-Vermehrerin, wie der heimische WILDvogel zu versorgen sei. Als das Tier schließlich doch zu Bio-Top kommt, bleibt ihm noch genau ein Tag zum Sterben.

… deklariert ein Biologielehrer aus dem Bodenseeraum einen stark dehydrierten, unterernährten Jungvogel als erwachsen, fit und gibt vor, er hätte in seiner Obhut gut gefressen. – Tja, Studium ist halt doch nicht alles und außer Lehrer gibt’s auch noch Leerer.

2018 …

… übernimmt Bio-Top einen fast ausgewachsenen Maulwurf, der im Vorfeld von einer engagierten, organisierten und „wissenden Tierfreundin“ als Jungtier angemeldet wird, da es die Augen zu habe.

… wird die Finderin eines verunfallten Stockentenerpels von Passanten und einem Restaurantbesitzer wüst beschimpft, das Tier mit „ist doch nur eine Ente!“ abgefertigt, als sie die Tierrettung informiert und das Tier, bis zum Eintreffen dieser, vor Gaffern und Klugscheißern abschirmt.

… wird eine, in ein Ölfass oder ähnliches gefallene Wasserfledermaus acht Stunden (!!) auf einen Essteller gelegt und mit einer luftdichten Plastikschale abgedeckt „gelagert“ und schließlich bei größter Hitze im Auto endlich mal zu Bio-Top gebracht; mit den Worten: eher haben wir es nicht geschafft. – Dass das Tier unter größter Atemnot litt, braucht eigentlich nicht extra erwähnt werden – eigentlich… Bei Bio-Top wurde es von der schmierig-klebrigen Schicht befreit, und überlebte zum Glück doch noch.

… erhält Bio-Top (in meiner Anwesenheit!) den Anruf einer Frau, die bereits acht Tage zuvor wegen einer jungen Rabenkrähe angerufen und um Tipps zur Pflege derselben gebeten hatte. – Aufgrund des notwendig gewordenen Aufnahmestopps hatte sie sich („große Tierfreundin“) angeboten, das Päppeln des Tieres zu übernehmen.

Es stellt sich heraus, dass das Tier im Kinderspielhaus im Garten untergebracht worden war, die Fenster und sonstige Zugänge mit Gitterdraht „gesichert“ wurden und ansonsten passierte …. Nichts: Kein Wasser, Kein Futter, Keine Absicherung des Tieres vor den nächtlichen Geschehnissen und Bedrohungen durch Fressfeinde, die man natürlich vom wohlig-gemütlichen Bett aus nicht mitbekommen kann!

Trotz ausführlicher Information von Yvonne, habe man doch gemeint, es besser zu wissen und war sich sicher, die Elterntiere würden das Jungtier zumindest durch das Gitter weiter füttern. – Leute, was soll man dazu noch sagen? Ich stand völlig paff daneben und hatte größtes Verständnis für Yvonne Reaktion, enttäuscht, wütend, traurig, verzweifelt, hilflos-ohnmächtig / ohnmächtig-hilflos bei soviel menschlicher Dummheit den Hörer aufzuknallen.

Gegen Ende der Übel(keits)-Liste, mein ganz persönlicher und trotz des Zeltlager-Terrors bislang unangefochtener „Favorit“, dem ich nur allzu gerne das Gleiche antun würde…

2015 / 2016, das krieg ich nicht mehr genau auf die Reihe, „ärgert“ sich der Besitzer eines Reitstalls im Hegau über das neu eingerichtete Spatzennest in seiner neu gebauten Stallhalle. Um sich „nicht schon wieder“ die ganze Halle kaputt machen zu lassen, greift er kurzerhand zu PU-Schaum und flutet das Nest mit Jungen, die hungrig auf die Rückkehr ihrer Eltern warteten. Just in dem Moment, in dem der Hinramputierte die PU-Kartusche leer schießt, kehrt das Männchen zurück.

Entsprechend seines Instinkts versucht es panisch zu seiner Brut durch zu kommen, wodurch es ebenfalls im PU-Schaum stecken bleibt. Einzig das beherzte Eingreifen einer Augenzeugin rettet ihm buchstäblich in letzter Sekunde das Leben. Das PU-Schaum verklebte Gefieder wurde bei Bio-Top in Fuzzelarbeit Stück für Stück gereinigt und man kann nur hoffen, dass derartige Tragödien bei (Wild)Tieren keine gravierenden mentalen Schäden hinterlassen, wie man es sich als mitfühlender Mensch unter Umständen vorstellt.

Man ist in vielen Situationen sehr oft sehr versucht eine Anzeige nach der Anderen zu machen, doch leider ist die traurige, nüchterne Realität, dass sich Deutschland den Tierschutz nur als „Staats“ziel auf die Fahne geschrieben hat – und Fahnen sind wie Papier unglaublich geduldig. Außerdem, davon abgesehen: Wo kein echter „Staat“, da auch kein echtes, ernst zu nehmendes, bei Verstößen mit erheblichen Konsequenzen verbundenes Staatsziel.

Zwei Dinge sind unendlich: das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher. Denn die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt, wodurch man wiederum unweigerlich zu der Erkenntnis gelangt, dass Tiere solange fühlen müssen, dass Menschen nicht denken, solange Menschen denken, dass Tiere nicht fühlen. (Zitate-Medley S. Zeller 2018)

*in diesem Sinn*
Eure Zeller

Hier geht es zur Übersicht der besonders und streng geschützten Arten heimischer Wildtiere in Baden-Württemberg.

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