Mein Brustkrebs

In diesem Beitrag möchte ich nicht auf das Wie, Was, Warum, Wieso, Weshalb und bei Wem zum Thema Brustkrebs eingehen – hierzu gibt es zahlreiche gute, informative Webseiten und Bücher.

In meinen Einträgen zum Thema möchte ich rein meine persönliche Situation mit ihren eigenen, zahlreichen Facetten zur Sprache bringen, auf etwaige wichtige Aspekte bzgl. Unterstützungsangebote rund um die Krankheit, Inanspruchnahme von finanzieller Hilfe seitens der Behörden aufmerksam machen sowie hoffentlich hilfreiche Tipps geben, wie man sich den Weg durch das Schlachtfeld im Kampf gegen den Brustkrebs unter Umständen auch etwas erleichtern kann.

Im Lauf der letzten Wochen wurde mir immer wieder einerseits bewundernd, andererseits motivierend anerkannt, dass man mich im Grunde genommen als einen sehr taffen und robusten Mensch kennt, der sich in keiner Lebenslage einfach einer Opferrolle ergibt. In diesem Punkt bin ich wohl am Allerbesten mit Peter Maffays Revanche zu beschreiben.

Zu Beginn von 2017 hätte ich mich allerdings doch genauer ausdrücken sollen, warum ausgerechnet 2017 mein Jahr wird: es sollte das letzte Jahr finanziellen Rumkrebsens (passendes Wortspiel) nach der erlittenen Wirtschaftskrise 2010 mit dem damit verbundenen Firmenruin und sich wieder aus eigenen Kräften hocharbeiten, ohne sich im „Schutz der Insolvenz“ auszuruhen werden. – Irgendwo war irgendwer oder irgendwas etwas arg begriffsstutzig, denn bislang ging es im Negativen um mein Auto, meine Gesundheit und auch der Gesundheitszustand meines Haustiers verschlechterte sich zeitgleich, sodass ich auch hier nicht nur psychisch, sondern ebenfalls organisatorisch gefordert war.

Anfang Februar wurde mein geliebtes Auto im Rahmen des Faschingterrors hier vor Ort, Opfer eines unaufmerksamen, überforderten, älteren Autofahrers und endete im wirtschaftlichen Totalschaden. Der Totalschaden hätte vermieden werden können, hätten mich die „Parkwächter“ zeitlich noch weit vor Umzugsstart (prestigeträchtig sogar als Livesendung im SWR Fernsehen arrangiert) zu meinem sicheren Parkplatz durchgelassen und nicht wie einen der erlebnisgeilen Besucher an der Zufahrtstraße zwangsabgeparkt. Selbstverständlich wird bis Heute jede Haftung dafür von sich gewiesen, was schon ziemlich viel über Charakter und Anstand des „Dorfgeistes“ aussagt.

Mein Autole zu sehen, kostete mich gut eine Woche lang richtig Substanz und brachte mich mental wie nervlich an jede erdenkliche Grenze. – Zum Glück gab es schließlich noch einen Funken Hoffnung und es konnte auf der Streckbank wieder in fahrbare Form gebracht werden. Zum Glück wählte ich die Instandsetzungsalternative und legte mir kein anderes Auto zu, für das neue Belastungen aufzubringen gewesen wären. Sechster Sinn?

Etwa zwei Wochen nachdem mein Auto zerschossen worden war, lag ich Wochenends zuhause auf der Couch vor dem Fernseher und hatte das Gefühl, dass irgendwas an meinem Oberkörper anders war als sonst. – Einfach so. Nicht näher beschreibbar.

Ich fing also an, an mir zu tasten und klar, als Frau nimmt man erst mal die Brust ins Visier – Bingo: da war eine Verhärtung! Hm, komisch. Hm, blöd. Erst drei Monate zuvor, im November, war beim Check-Up beim Arzt noch nichts erkennbar.

Besonders an dieser Situation war, möchte man doch meinen, was auch Viele später nicht ganz nachvollziehen konnten: findet man eine Veränderung am Körper, die dort garantiert noch nie war und dort wohl auch nicht hingehörte, sollte man doch eigentlich sehr unruhig, vielleicht ein Stück weit panisch, eventuell auch hysterisch werden, oder?

Nicht so ich. Mein Auto zwei Wochen zuvor „entweiht“ zu sehen, hatte mich weitaus mehr getroffen und mitgenommen, als nun einen größeren Knubbel oberhalb in meiner rechten Brust zu entdecken.

Ok, vielleicht sollte ich nicht verschweigen, dass mir persönlich die ganze Thematik und Situation in Bezug auf Angst, Unsicherheit, Schock, Verzweiflung und womit so viele Artikel zum Thema in der Regel sonst noch beginnen, in gewisser Weise durch die Serie Club der roten Bänder entschärft wurden.

Ein Satz darin hat sich bei mir besonders eingeprägt, als „Leo“ zu „Kim“ sagt: Kontrollier sie [die Krankheit], bevor sie dich kontrolliert, sonst macht sie dich fertig!

Für mich hieß das schließlich: nachdem Brustkrebs fest stand, erhielt meine Mutter den Auftrag ihrer Strickleidenschaft schon mal mit Mützen für mich freien Lauf zu lassen. Die wenigen Freunde und wirklich gute Bekannte, die mir wichtig waren sowie auch meine Chefs hielt ich von Anfang an, vom ersten Verdacht bis zum Befund und darüber hinaus auf dem Laufenden.

Zugegeben: die einzige echte Angst, die ich dato hatte, war die, meine Arbeit zu verlieren, wie es einem Bekannten mit Prostatakrebs etwa ein Jahr zuvor erging, der seine Arbeitgeber ebenfalls – ehrlich wie man halt ist – nicht im Unklaren lassen wollte. Zumal ich mit meiner Anstellung in einer Autowerkstatt keinen „typischen Frauenberuf“ hatte.

Meine schulterlangen Haare ließ ich bei meinem Friseur in eine schicke Kurzhaarfrisur ändern, damit sich auch mein Umfeld (vielleicht) etwas besser an die bevorstehenden Veränderungen gewöhnen konnte. Bei diesem Termin wurde zudem gleich besprochen, was wann zu tun ist, um dem Haarausfall zuvor zu kommen, damit man das ganze Fell nicht irgendwann „plötzlich“ überall hatte.

Für mich war außerdem klar: ich wollte keine Perücke. Die „paar“ Monate ohne Haare, konnte man mit Mützen gut überbrücken und im Fall der Fälle wird eben die Gesellschaft kokett, unerschrocken und provokativ zugleich mit einem Glatzkopf konfrontiert – gibt ja nur zwei Möglichkeiten, was dahinter stecken könnte: „Nazi“ oder Krank. Soll sich jeder selbst aussuchen, was er zu erkennen meint.*grins*

Die meisten Menschen waren über meinen Pragmatismus einerseits erstaunt, anderseits amüsiert. – Obwohl man mich so in der Regel kannte, hielten es Viele zugleich für unfassbar bis unglaublich, diese Ruhe auch mit einer so ernsthaften Erkrankung im Nacken zu haben. – Noch! – Nichts desto trotz: mit Blablabla, Firlefanz und Schnickschnack konnten sich Andere ihre (Lebens)Zeit vergeuden, mein Ding war und ist es nicht und wird es auch nie sein, sofern ich es verhindern kann.

Natürlich merkte ich meinem Umfeld seine Unsicherheit und Verwirrtheit über meine (noch!) „Coolness“ an, stand doch eher Hilflosigkeit, Mitleid und selbst Angst sowie Besorgnis in den meisten Augen. Zeitweise war es sogar mehr ich, die ihr Umfeld stützen und beruhigen musste, um nicht selbst in eine emotional-negativ belastende Spirale mit rein gezogen zu werden.

Wenige Tage nach meinem Knotenfund erhielt ich einen Termin bei meiner Frauenärztin und beim Ultraschall meinte sie, es können Alles und Nichts sein. Eine Biopsie in der Frauenambulanz des hiesigen Krankenhauses und Brustkrebszentrums würde Genaues ergeben. – Hierfür bekam ich bereits die Woche drauf einen Termin.

Nachdem mir durch eine so genannte Stanzbiopsie mit örtlicher Betäubung ein paar Gewebeproben entnommen wurden, bekräftigte die dortige Ärztin meinen persönlichen Verdacht: Die Ränder um die Fibrose herum ließen nichts Gutes erahnen. Die endgültige Bestätigung erfolgte schließlich durch die pathologische Untersuchung der Proben.

Nun heißt es ja, Brustkrebs oder Krebs im Allgemeinen kann sehr viele Ursachen und Faktoren haben und sofern die später erfolgte genetische Untersuchung keinen Gendefekt ans Tageslicht befördert, mache ich hier und jetzt ganz offiziell den Streß durch die wenige Wochen zuvor erfolgte Apokalypse mit meinem Auto dafür verantwortlich.

In gewisser Weise witzig finde ich die Tatsache, dass ich im Dezember 2013 (nach über 20 Jahren!) mit dem Rauchen aufgehört hatte und dies – Trotz sei Dank! – problemlos durchhalte. Hätte ich es damals aus gesundheitlichen Gründen getan, käme ich mir heute echt reichlich verarscht vor!

Bis zu meinem Antritt im Krankenhaus für weitere Untersuchungen (Check etwaiger Metastasen in Lunge, Leber, Knochen, Lymphknoten) hatte ich viel Zeit, mich in die Thematik einzulesen und stellte schnell fest: man wird irre bei all den (Nicht-)Informationen und wenn dann auch noch gut gemeinte Ratschläge von Dritten dazu kommen, die zu Krebserkrankungen meist nur aus zweiter Hand oder von Hören-Sagen-Lesen meinen mitreden zu können, wird’s ganz besonders…

So viele Informationen brachen immer wieder von allen möglichen Seiten auf mich herein, die ich erst mal lernen musste einzuordnen, auszumisten oder gleich im „gut gemeinten“ Keim zu ersticken.

Auch ließ ich mich Anfangs beeinflussen und damit ein Stück weit verrückt machen, von wegen „Die richtige Ernährung bei Krebs“ oder „Alternative Therapien bei Krebs“ – Gemüsemedizin bei einer so schwerwiegenden Erkrankung wie Krebs war ja haargenau mein Ding.

Als mir bspw. jemand zur Behandlung in einer dieser „ganzheitlichen“ Kliniken raten wollte, parierte ich gekonnt, dass ich mir auch schon überlegt hatte, ob ich mich nicht nackt in ein Salatfeld legen und mich von einer Horde süüüüüßer Welpen abschlecken lassen sollte?!? Einer weiteren Person erklärte ich, dass ich einem Arbeitskreis nicht abgeneigt gewesen wäre, der Tumor jedoch keine Termine frei hatte.

Damit war auch für meine Gegenüber klar, dass man mir mit alternativem Hokuspokus als Alleintherapie nicht zu kommen brauchte. – Begleitend Ja, Alleinmerkmal Nein!

In Bezug auf begleitend, übernahm ich bspw. von der Seite biokrebs.de den Tipp, vor und nach einer Chemo je 3 Globuli Nux vomica (gegen die Übelkeit) einzunehmen. Dies tue ich zusätzlich zu den Medikamenten, die man ohnehin verschrieben bekommt und fahre damit verhältnismäßig gut.

Aufgrund der „informativen“ Reizüberflutung ging leider ein wirklich wichtiger Input in der Zeit vor der Chemotherapie etwas unter, was ich kurz darauf etwas bitter zu spüren bekam: Als Krebspatient zum Zahnarzt!

Deshalb an dieser Stelle meine ganz eindringliche Bitte an Alle, bei denen sich auch nur Verdacht auf Krebs eingestellt hat: Geht noch vor der ersten Chemotherapie zum Zahnarzt und lasst einen Komplettcheck machen!!

Von meiner eigenen Entdeckung über die Biopsie, den Krankenhausaufenthalt, das Erstgespräch mit dem Chemo-Doc bis schließlich zur ersten Chemositzungen vergingen bei mir rasante vier Wochen; es mag nach viel klingen, doch in Wirklichkeit ist das gar nichts mit all dem anderen Drumherum.

Sollte sich eine chirurgische Notwendigkeit ergeben, könnten sich unter Umständen, aufgrund der sich immer wieder verändernden Blutwerte durch die Chemotherapie Probleme einstellen, die einen chirurgischen Eingriff entweder gefährlich oder gar für eine lange Zeit unmöglich machen.

Als Patient bedeutet dies entweder das Risiko, betreffende Zähne über kurz oder lang zu verlieren, mit zusätzlichen Schmerzmitteln leben zu müssen oder während des Eingriffs aus der Narkose aufzuwachen, weil ggf. die Chemomittel einen entsprechenden Einfluss darauf haben. – Alles nicht schön!

Als ich bspw. „endlich“ (nach der ersten Chemo) zum Zahnarzt kam, schien die Axt am Baum: an beiden Wurzelspitzen der unteren Backenzähne wurden Zysten gefunden und es stand sogar der Verdacht im Raum, dass sich dort Krebszellen angesiedelt haben könnten. – Kommt selten vor, ist jedoch möglich.

Von diesem Befund bis zum Eingriff vergingen etwa vier Wochen. Eine Woche vor meiner dritten Chemo wurden die Zysten entfernt – Lustig ist anders.

Was auch kein Spaß wird und macht: wer bereits in der Vergangenheit mit Hämorriden zu kämpfen hat(te), sollte sich auch hier allein bei Verdacht auf Krebs durchchecken lassen! Je nach Stärke des Hämorridenbefalls wird im Lauf der nächsten Monate eine Entfernung derselben nahezu unmöglich und man hat neben Fertig werden mit den Nebenwirkungen durch die Chemotherapie auch noch mit Schmerzen und aufgeplatzten Thrombosen am Hintern zu kämpfen. – Überhaupt kein Spaß!!

Die Wochen zwischen der ersten Gewissheit, über den Krankenhausaufenthalt, wo mir neben der Entnahme von Lymphknoten auch gleich der Zugang für die folgende Chemotherapie gesetzt wurde, bis ich „endlich“ vor meinem Chemo-Doc saß und wir die kommenden Monate das erste Mal besprachen, waren im Grunde genommen wie ein surrealer Film, noch gar nicht wirklich bei mir angekommen.

Die ersten Tränen des bewusst werdens, des greifbar werdens, der Erleichterung, dass nun endlich etwas vorwärts geht, dass man nun endlich den konkreten „Fahrplan“ erhielt, kamen im Gespräch mit dem Chemo-Doc.

Meinen ganz persönlichen „Dramamoment“, in dem ich – einmalig! – meiner ganzen Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit buchstäblich freie Fahrt ließ, gab ich mir nach diesem Gespräch, indem ich auf der CD im Autoradio zu Kaleos Way we go down  (aus Club der roten Bänder) sprang, so laut wie möglich aufdrehte, während ich in „dazu passender“ Geschwindigkeit über Autobahn und Schnellstraße nach Hause fuhr.

Heutzutage kann auch nicht mehr davon ausgegangen werden, dass bspw. Frauen, die Kinder geboren und gestillt haben, niemals an Brustkrebs erkranken können.

Während meines ersten Krankenhausaufenthalts teilte ich das Zimmer unter anderem mit einer 79-jährigen Dame. Sie hatte fünf Kinder und war mit ihrem stattlichen Alter die Erste und Einzige aus der Familienlinie, die an Brustkrebs erkrankte!

Meine andere Zimmergenossin (58) hatte ebenfalls einen Sohn und mit Krebs im Unterleib zu kämpfen. Auch eine meiner Tanten starb Anfang 2016 mit nur 52 Jahren an Lungenkrebs, der aus vorangegangem Eierstockkrebs gestreut hatte; sie hinterließ Mann und Sohn.

Grundsätzlich gilt: Kein Krebs ist wie der Andere!! Deshalb lasst Euch von Niemandem irgendwas erzählen wollen, wie es bei Tante Trude, Oma Helga, Nachbarin Ilse, Mutter Gundelgart etc. pp. gewesen ist.

Ihr seid Ihr! Es ist Euer Krebs mit all seinen Begleiterscheinungen, notwendigen Medikationen, Verläufen und etwaigen Planänderungen.

Über die finanzielle Seite hatte ich mir bis dahin keinen allzu großen Kopf gemacht, ich kam schlichtweg nicht dazu. Doch auch hier sollte mir noch eine unangenehme Überraschung bevorstehen. Vorallem, wenn man Eine von vielen Betroffenen, „die schon länger hier leben“, ist.

Im Krankengeldbezug angekommen, erhält man etwa 70% des monatlichen Bruttolohns. Wer Teilzeit arbeitet wird hier das erste Mal so richtig bedient, vorallem wenn dann bspw. auch noch Einnahmen eines kleinunternehmerischen Nebengewerbes weg brechen, weil diese a) aufgrund körperlicher Ansprüche nicht mehr ausgeübt werden können und man b) bei Krankengeldantrag dafür unterschreibt, keine weiteren Einkünfte zu erzielen.

Meine erste Nachfrage beim Jobcenter auf Unterstützung in Sachen Wohnkosten während der Krankenzeit wurde mit Verweis auf die Wohngeldstelle beantwortet, weil es beim Jobcenter ja – wenn überhaupt – Grundsicherung UND Mieteübernahme gibt, Nicht entweder oder.

Die Dame von der Wohngeldstelle war da schon eher ein kompetenter, freundlicher Ansprechpartner, doch leider erhält man hier nur einen Zuschuss, welcher mit 94,-€ in meinem Fall bei insgesamt 390,-€ Miete und Strom nicht besonders aufheiternd ist.

Sie war es auch, die mir schließlich anriet, den bis dato abgewiesenen Schwerbehindertenausweis doch zu beantragen, da er unter Umständen die ein und andere Vergünstigung mit sich bringe. – Nach nur vier Wochen, statt der bis zu fünf monatigen Bearbeitungszeit, erhielt ich schließlich meinen Schwerbehindertenausweis mit einem GdB (Grad der Behinderung) in Höhe von 60%, gültig bis 2023.

Welche Vergünstigen mit welchem Schwerbehindertenausweis zu erwarten sind, lässt sich zum Einen in dem Informationsblatt nachlesen oder bei den jeweiligen Stellen ausführlicher erfragen und erklären.

Erstes Fazit: Krankengeld und Wohnzuschuss helfen bei Weitem nicht, auch nur ansatzweise über die Runden zu kommen. – Mehrere Identitäten und keinen deutschen Pass müsste man haben.

Noch mal beim Jobcenter angerufen, erhielt ich als neue Auskunft: da ich aufgrund meiner Erkrankung länger als ein halbes Jahr nicht arbeiten kann, gelte ich als nicht mehr erwerbsfähig und hätte somit auch keinen Anspruch auf Leistungen seitens des Jobcenters. Diese stünden schließlich nur grundsätzlich und eigentlich Erwerbsfähigen zu. Ich solle es doch mal beim Sozialamt für Sozialgeld versuchen.

Erst konnte ich nicht so wirklich glauben, was mir gerade erklärt werden sollte und ich war (mal wieder) kurz davor, Amok laufen zu wollen. – Bei meinem Glück, als „schon länger hier Lebende“ würde ich seitens Politik und Justiz allerdings sicher nicht als „Einzelfall“ eingestuft und wieder laufen gelassen, weil „ach so traumatisiert“.

Bei der Stadtverwaltung, Abteilung Soziales jemand erreicht, erhielt ich als weitere, „neue“ Information, dass die Aussage beim Jobcenter falsch war: gänzlich unabhängig von bisheriger sowie zukünftiger Arbeitsleistung und Fähigkeit, hat jeder Anspruch auf diese Unterstützung, denn genau hierfür wurde ALG2 (Hartz4) seinerzeit eingerichtet.

Um mich nicht wieder am Telefon abspeisen zu lassen, fuhr ich schnurstracks zum hiesigen Jobcenter und siehe da: in weniger als einer halben Stunde hatte ich einen Antrag mit zig Anlagen in der Hand!

Beinahe amüsant fand ich noch die Tatsache: als ich ankam, erklärte ich der Dame am Schalter, dass ich vor weniger als eine Stunde mit einer Kollegin telefoniert hatte, die mir aufgrund meiner Krebserkrankung erklären wollte, ich hätte keinen Anspruch auf Unterstützung durch das Jobcenter.

Als es schließlich um die voraussichtliche Gesamtkrankheitszeit ging, fragte mich die Dame nach der Dauer, die ich so natürlich nicht beantworten konnte. Mir war gleich klar: die hören gar nicht richtig zu!

Die Dame wollte mir dann wie einer Blöden erklären, dass auf den Krankschreibungen die Dati eingetragen seien: Festellungstag einer Krankheit, voraussichtliche Dauer und Befristung der AU.

Erst sah ich sie fragend an, unausgesprochen: Wollen Sie mich jetzt verarschen?!?
Ausgesprochen: Gute Frau, wenn Sie mir vorhin genau zugehört hätten, hätten Sie mitbekommen, dass ich KREBS, Brustkrebs habe und ich deshalb gar keine genauen Angaben machen kann, wann ich wieder gesund bin!

Der Dame war es sichtbar peinlich, sie entschuldigte sich auch etwas hilflos und ich grinste in mich rein. Auf dem Datenerfassungsbogen schrieb ich ins Notizenfeld: AU seit 14.3. wegen Brustkrebs, voraussichtliche Genesung Anfang 2018.

Man, man, man.

Es ist ohnehin eine wirklich zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit: Arbeitslos werden ist das Eine, wer wirklich Arbeiten will, findet schnell wieder etwas. An einer schweren Krankheit zu erkranken, wirklich mitten aus dem laufenden Alltag gerissen zu werden und hilflos alles Bisherige zusammen brechen sehen, etwas ganz Anderes. Hierbei sollten die Betroffenen um ein Vielfaches stärker seitens des „Systems“ unterstützt werden.

Wie macht das bspw. eine Familie, die gerade ihr Eigenheim gebaut und bezogen hat und am abbezahlen ist, wenn der oder einer der Haupternährer aufgrund Krankheit oder Unfall ausfällt? Grundsichernde Leistungen reichen im Leben nicht aus, um die Verbindlichkeiten auch nur ansatzweise zu tragen! Ende und Aus des hart erarbeiteten, realisierten Traums!

Da gibt es seitens des „Systems“ noch gravierende Nachbesserungen auf den Weg zu bringen, statt sich selbst nahezu jährlich die ohnehin schon dicken Taschen weiter zu füllen und Steuergelder an Jeden zu verschleudern, außer an „die, die schon länger hier leben“ und arbeiten und in die Sozialkassen eingezahlt haben.

Zum Zeitpunkt dieses Eintrages wartete ich noch auf den Termin zur Antragsabgabe, weshalb hier noch nichts zum Ausgang auf Genehmigung oder nicht gegeben werden kann.

Über meine erste Chemozeit berichte ich nach Abschluss der vierten Sitzung Ende Mai, also irgendwann zu Mitte Juni, da sich unter Umständen eine Planänderung in meinem Therapieverlauf ergeben könnte.

Bis dahin, liebe Frauen und die wenigen Männer, die auch Brustkrebs bekommen können: Kopf hoch! Nur wer sich als Opfer ergibt, ist und bleibt auch Eines (in allen Lebenslagen)!

*in diesem Sinn*
Bis bald, Eure Sandra

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