Dienstag, Oktober 20
Shadow

Haustierhaltung bei Krebs

Mit definitiver Krebsdiagnose war eine, oder besser gesagt mit die größte Sorge, ob und inwiefern ich mich die nächsten Monate mit (Haus)Tieren abgeben darf? Auch sie zählen bei Krankheiten, die das Immunsystem schwächen, zu Gefahrenquellen für Infektionen und der Umgang mit ihnen will in der ein und anderen Situation wirklich gut abgewägt sein. Niemandem ist geholfen, wenn das Tier zu wenig oder gar nicht mehr gerecht versorgt werden kann, weil der Mensch dazu entweder ganz oder vorübergehend nicht mehr in der Lage ist.

Auch wenn es viele „Tierfreunde“ wohl bis in alle Ewigkeit nie in ihre Schädel bekommen: einem Tier kann man nicht lang und breit erklären, was so Besonderes an einer sich geändert habenden Situation ist – das funktioniert selbst im normalen, gesunden Alltag nicht.

Mit dieser stoischen Vermenschlichung werden Tiere schlichtweg überfordert, was wiederum eigentlich unerwünschte, weil negative Verhaltensveränderungen provoziert. – Kommt dann noch eine räumliche Veränderung ins Spiel, kann es ganz Aus sein.

Ich glaube, die Frage zum Miteinander mit (Haus)Tieren war eine der Ersten, die ich meinem Chemo-Doc im Erstgespräch, kurz vor Therapiebeginn stellte.

Wer im Umgang mit einem ihm lang bekannten, dem eigenen Immunsystem vertrauten Haustier ein bißchen mehr als die übliche Hygiene walten lässt und eine gesunde Distanz wahrt (ein Küssen weniger hier, ein Schlecker übers Gesicht weniger dort etc.), ohne das Miteinander hart an die Grenze zur sozialen Isolation zu bringen, hat in der Regel nichts zu befürchten. Weder gesundheitlich, noch zwischen-mensch-tierlich – zumindest bei Brustkrebs mit guter Prognose!

Anders sieht es dagegen (leider) bei aggressiven Krebsarten wie bspw. Leukämie & Co. aus, die aus medizinischer Erfahrung einen hohen, schweren Therapieaufwand mit sich bringen und den Patienten wie auch deren Angehörigen ordentlich an die Substanz gehen.

Es ist zwar von Fall zu Fall, von Stadium zu Stadium individuell mit dem Doc zu besprechen, ob und was mit dem Haustier zu beachten ist, doch besser ich warne an dieser Stelle gleich ein Stück weit vor, damit der „Schock“ über einen möglichen, zwingend notwendigen Abschied vom Haustier nicht allzu sehr reinhaut.

Aus Beobachtung und Erfahrung in meiner Zeit aktive(re)n, privaten Tierschutzbemühungen während denen ich mich gegenüber zahlreichen Haltern verschiedenster Haustierarten „beliebt“ machte, weiß ich nur allzu genau:

a) Je weicher das Herz eines Möchtegern-Tierfreundes ist, desto weicher ist auch dessen Birne.
b) Je mehr sich Menschen auf die „Liebe“ und „bedingungslose Fürsorge“ zu ihrem Haustier fokussieren, umso größer sind die eigentlichen, persönlichen Defizite und Probleme. Indem man sich hinter einem Tier versteckt, meint man der Konfrontation damit entgehen zu können.

Beides (und mehr) sind nicht nur Selbstlügen, sondern vorallem dem Tier gegenüber extrem unfair!

So schwer man sich zeitweise als Krebspatient tun wird, so ist es generell bewiesen, dass Haustiere einen guten, fördernden wie auch fordernden Einfluss auf (ihren) Menschen haben – sofern sie wirklich von sich aus bereit bzw. entsprechend der Situation in der Lage sind, als Gegenleistung einer ordentlichen Versorgung gerecht zu werden.

Ich gebe unverhohlen zu: es gab in den zurück liegenden Monaten mehr als einen Moment, in dem ich es sowas von verfluchte, mich um Fell kümmern zu müssen und hätte weiß der Geier was dafür gegeben, skrupellos und / oder  „unüberlegt“ genug zu sein, es weg geben oder einfach sich selbst überlassen zu können. – Doch NEIN!

Wann immer es mir möglich war, ich gefordert und meine Verfassung zum Guten gefördert wurde, auch wenn es weder den Zeiten, noch dem Umfang im gesunden Leben entsprach: ich raffte mich immer wieder aufs Neue auf und erfüllte meine verdammte, mir selbst auferlegte Pflicht!

Nur wenn es wirklich so rein gar nicht machbar war (Fatigue-Zustand, Krankenhausaufenthalt etc.), griff ich sehr gerne auf die angebotene, allzeit bereit stehende Hilfe von Nachbarn und Freunden zurück.

Wahrhafte Perlen und ich danke vielmals an dieser Stelle dafür!

Ich werde mich über die Existenz und Verpflichtung gegenüber meines „Viehzeugs“ sicher noch etliche Male mokieren, doch wer mich kennt weiß: bevor ich auch nur eine meiner „Drohungen“ wahr mache, muss noch jede Menge Wasser ins Meer fließen. 😉 Dürfte ich mich nicht auch mitunter um Hunde kümmern, ich wäre in den letzten Monaten nicht einen Mikrometer vor die Tür und Laufen gegangen. Dabei ist (gemäßigte, steigerungsfähige) Bewegung notwendig, um im Fluss zu bleiben.

Bei Allem, womit man sich als Krebspatient (und dessen Angehörige) im Lauf der Zeit befassen muss, darf man bei aller echter Tierliebe nie das Wohl eines von einem abhängigen Lebewesen außer Acht lassen – auch wenn die Erfüllung von Pflicht und Verantwortung daraus besteht, es in ein neues Zuhause zu geben.

Etwa Mitte August, also noch gar nicht so lange her, erzählte mir Jemand von dem Hund einer Krebspatientin in Radolfzell, deren Zustand sich zunehmend verschlechterte und sie dadurch mit der Versorgung ihres Tieres stetig überforderte. Dennoch war sie nicht bereit, sich von dem Hund – „ihr Ein und Alles“ – zu trennen. Niemand konnte ihrem Liebling schließlich all das Bieten und richtig machen, was sie ihm doch Gutes tue usw.

Ich sag ja: Je größer die „Liebe“ zum Tier, desto weicher die Birne!

Die Sturheit der Frau gipfelte für den Hund darin, dass er angeleint in den Keller gesperrt wurde und nur wenig, manchmal auch mehrere Tage hintereinander weder zu fressen, noch zu trinken bekam; so musste er schließlich nicht „ständig“ Gassi geführt werden.

Wer nun auch nur über einen Funken Hundeverstand verfügt, weiß, dass Kaniden ihrer Natur entsprechend niemals freiwillig ihren Bereich mit Kot und Urin beschmutzen würden und es sie sehr große Überwindung kostet, es schließlich doch zu tun, weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt.

(Dieser kranke Tipp wird gerne auch bei der Welpenerziehung in Punkto schnell stubenrein bekommen angewendet, indem die Kleinen über Nacht in Boxen gesperrt werden, damit der ach so arme, gestreßte Mensch nicht auch Nachts alle paar Stunden raus muss.)

Irgendwann bekam unsere Tierrettung Wind davon, holte den Hund dort raus und verbrachte ihn erst mal ins Tierheim.

Rein interessehalber setzte ich mich mit dem Tierheim in Verbindung und erfuhr, dass dieser Fall leider nur einer von (zu) Vielen, mit zwar unterschiedlichen Tierarten, doch sich sehr stark ähnelnden Hintergründen ist.

Die Menschen sind sich keinem Fehlverhalten bewusst. Man meine es doch immer nur gut, bemühe sich doch nach besten Kräften und eigentlich weiß man gar nicht, was die ganze „Aufregung“ überhaupt soll … Auch diese „große Hundefreundin“ wollte ihr Tier wieder haben.

Wie im Einzelnen bei so einem Fall verfahren wird, wer welche Möglichkeiten und Handhaben hat, weiß ich nicht genau. Mir ist allgemein nur bekannt, dass wenn Jemand in Sachen Haltebedingungen auffällig wurde, kann er von Behördenseite (Polizeihundestaffel, Veterinäramt, Tierschutzverein) unter Beobachtung sowie Kontrolle genommen werden.

Doch leider gehört „ein bißchen mehr“ als „nur“ hin und wieder in den Keller weg gesperrt zu werden, bis einem das Tier definitiv entzogen werden kann. Futter und Wasser gingen dann eben ausgerechnet kurz vor Eintreffen der Kontrolleure leer und man war ja gerade dabei, dies zu korrigieren oder es wird alles nett-adrett gemacht, da die Kontrollen meist mit Ansage erfolgen – beweis‘ dann mal definitiv, dass es sich um klare Lügen und vorsätzliche Täuschung handelt?!

Nach geltender Gesetzeslage gilt ein Tier erst mal als persönliches Eigentum und prinzipiell als Sache, mit der nach Belieben umgegangen werden kann. Auf dem Papier sind Tiere zwar als anerkannte Mitgeschöpfe der Menschen unter verfassungsrechtlichen Schutz gestellt (§ 20a GG), doch was nützt es, wenn der explizite Schutz vor menschlicher Dummheit sowie Überheblichkeit fehlt? Dieser Hund musste wieder ausgehändigt und damit in sein absehbares Verderben zurück geschickt werden.

Bei Krebspatienten und ihre Haustiere kann ich nun ja mitreden und Ja, es wäre auch für mich ein nicht abschätzbares, emotionales Problem gewesen, hätte ich nicht „nur“ Brustkrebs und müsste mich deshalb – auf unbestimmte Zeit / für immer – vom Fell trennen.

Doch zu wessen großem Glück auch immer, bin ich ich und nicht Andere!

Ich bin mir meiner Verantwortung mit all ihren Facetten bis in die kleinste Faser und letzte Synapse bewusst, sodass ich jedes mir anvertraute oder übernommene Tier lieber „vor mir“ oder einer auf mir basierenden Situation, die ich nicht sonderlich beeinflussen kann, schützen würde, als ihm aus purem Egoismus heraus vorsätzlich zu schaden.

Bereits mit erlittener Wirtschaftkrise 2010 musste ich mich von Katzen, etwas später von meinen Schlangen trennen, weil ich deren Versorgung (finanziell wie zeitlich) schlichtweg nicht mehr garantieren konnte. – Für mich war es nicht leicht, für die Tiere dagegen das Beste, was ich für sie damals habe tun können.

Es hat Niemand was davon, wenn Tiere erst verunsichert, dann verängstigt und schließlich zu verhaltensgestörten Gefahrenquellen für Alle werden, weil der Mensch dahinter nicht in der Lage ist / sein will, sie rechtzeitig aus der „Schusslinie“ zu bringen.

Ich gab dem Tierheim-Team für Fälle wie diesem, um das betroffene Tier möglicherweise leichter und somit schneller aus den Zuständen raus holen zu können, folgende Tipps:

Jeder Krebspatient erhält zu und über seine Erkrankung einen so genannten Therapieplan, aus dem u.a. die Art und Schwere seiner der Krankheit hervorgeht, woraus man in Etwa (selbstverständlich unter einem gewissen Vorbehalt) den Ist-Zustand, eventuell sogar den zu erwartenden Krankheitsverlauf schließen kann. – Diesen sollte man sich als Behörden (Polizeihundestaffel, Veterinäramt) sowie anerkannte Tierschutzeinrichtungen aushändigen lassen können.

Ein weiteres (Druck)Mittel zum Zweck wäre, dass der Patient den entsprechenden Arzt zumindest in diesem Bezug von seiner Schweigepflicht entbindet, damit sich Behörden und Tierschutzeinrichtungen über den wahren Zustand / den zu erwartenden Verlauf selbst Informationen einholen zu können.

Ein Krebspatient, der (noch) klar bei Verstand ist, dem das Wohl seines Tieres wirklich und mindestens genauso wichtig wie das Eigene ist, der sich helfen lassen will, weil er weiß alleine ist es nicht zu schaffen, der nichts zu verbergen hat und sich kooperativ zeigen möchte, um sein Tier – ggf. unter Kontrolle – behalten zu können, wird diesen Optionen freiwillig nachkommen. Das ist in der Tat nicht zu viel verlangt, geschweige denn „unzumutbar“.

Stellvertretend für all die vielen Haustiere jeder Art, die an falschen Plätzen ausharren müssen, hoffe ich für diesen Hund auf ein baldiges Happy End und wünsche ihm ein schönes Leben, in dem er sein kann, was er ist und nicht, was er sein soll, weil er es rein von seiner Natur aus gar nicht kann!

Misshandlung, Missbrauch und Verwahrlosung von Tieren basiert nicht nur auf Körperlichkeiten seitens des Menschen.

*in diesen Sinn*
Eure Sandra

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