Chemo-Demenz, Konzentrationsschwäche und Sprachstörungen

Diesen Eintrag auf die Beine zu stellen, fiel mir bislang am Schwersten… Er trifft mit seinem Titel den Nagel auf den Kopf.

Was man als gesunder, unter Alltagsbedingungen „normal“ gestresster, weil vielseitig geforderter Mensch allgemein unter Schussligkeit oder schlicht mit den Gedanken woanders sein kennt, wird für Chemopatienten irgendwann eine zusätzliche Belastung, mit der man ebenfalls nichts anderes machen kann, als sich irgendwie zu arrangieren und sie auszusitzen: Abbau von Gehirnleistung und Sprachvermögen.

Erzählt man als Chemopatient gesunden Menschen von der Einbuße seiner  Hirnleistung, der zunehmenden Konzentrationsschwäche, streckenweisen Sprachaussetzern oder abgelegten Schwachmatenaktionen unter dem Einfluss von Chemomitteln, erntet man nicht selten ein: Kenn’ ich, passiert mir auch oft!

Leider vergessen die Gesunden dabei meist, dass das Eine in keinster Weise mit dem Anderen (nicht einmal im Ansatz) gleich gestellt werden kann.

Gibt man – überspitzt gesagt – zwanzig Leuten gegenüber seine „blonden Aktionen“ zum Besten, wird Jeder der Zwanzig bei irgendeiner Gegebenheit nicht nur amüsiert zustimmend nicken, sondern auch versuchen zu trösten und aufzumuntern: Kenn ich!… Von wegen.

Es ist ein Unterschied, ob zwanzig schusslige, gesunde Menschen im Lauf einer Woche je eine Schwachmatenaktion aufs Parkett legen oder ein Chemopatient allein in derselben Zeit, aufgrund des Medikamenteneinflusses zwanzig Aktionen. Das kann mitunter nicht nur nervig, sondern richtig belastend werden.

Anfangs ist es Einem noch peinlich, weil man sich dem Gegenüber irgendwie „schuldig“ fühlt, nicht aufmerksam genug (gewesen) zu sein, doch irgendwann – zumindest handhabe ich es mittlerweile so – spricht man es einfach aus, was unklar ist / war und Fertig.

Heute, mich seit einem halben Jahr im Kampf gegen Krebs befindend, bin ich sehr froh darüber, von Anfang an ein Chemotagebuch zu führen. Nachdem ich mich bislang bescheiden mit (drei) DinA5 Heften begnügte, wählte ich das nun notwendig gewordene Chemotagebuch Nr. 4 im DinA4 Format.

Selbst heute, immer noch mittendrin statt nur dabei, ist es interessant, die eigene Entwicklung, Empfindungen, Schmerzen, Phasen etc. der letzten Monate nochmal nachverfolgen zu können.

Es mag sich lustig anhören oder lesen, wenn man beispielsweise …

  • Menschen, die man schon länger kennt, die sich sehr ähnlich sehen, plötzlich in ihren Berufen verwechselt (bspw. einen Ladenbauer mit dem Mitarbeiter eines Bestattungsdienstes) und im Glauben ist, das Gegenüber habe schlicht seinen Arbeitplatz gewechselt, auch wenn man sich diese Veränderung eigentlich so gar nicht erklären kann. Erst mit Nennung eines Unterschiedes (der Eine hat Familie, der Andere nicht) fällt der Groschen.
  • statt dem Handy die TV-Fernbedienung ans Ladekabel anschließen möchte.
  • statt die Packung Milch, die Kakaopulverdose in den Kühlschrank stellt (!) und dies erst bemerkt, wenn einem nach einer weiteren Tasse Kakao ist, weil man wie blöd die doch eigentlich vorhandene Kakaodose vergeblich im Schrank sucht.
  • mehrfach einfachste Rechtschreibfehler (Gespräch – Gesprech) unterlaufen, deren Aufspüren und Korrektur mehr Zeit als sonst bedarf.
  • auf die einfachsten Redewendungen, Bezeichnungen etc. nicht mehr kommt oder neue Wörter durch wildes, unbeabsichtigtes Kombinieren kreiert.
  • im Glauben die Waschmaschine angestellt zu haben, nach der programmierten Zeit wieder in den Keller geht und feststellt, die Trommel gar nicht geschlossen zu haben.
  • Geliehenes zurück gibt und etwa drei Wochen später merkt, dass die Rückgabe nicht vollständig war, zurück gebliebene Teile eigentlich im Blickfeld liegen.
  • in der Wohnung noch weiß, was als Nächstes ansteht, ins Auto einsteigt und plötzlich keinen Plan mehr hat, wohin man eigentlich gerade wollte. – Terminmemo im Handy sei Dank.
  • mit zunehmender Vergesslichkeit selbst die kleinste Erledigung anfängt aufzuschreiben, aus (irrationaler) Angst, verrückt zu werden.
  • mehrfach die Krankenkassenbefreiungskarte zum Vorlegen vergisst, weil sie sich immer dort befindet, was man gerade vergessen hat mitzunehmen (Geldbeutel, andere Handyhülle etc.).
  • sich den Wochentag nur schwer bis gar nicht mehr merken kann und den Blick auf einen Kalender braucht, um sich zu erinnern.
  • mitten im Gespräch das Thema wechseln muss, bevor der „Blitz“ wieder weg ist.
  • bewusst langsam denken und sprechen muss, um sich nicht ständig mit Gedanken und Zunge selbst zu überholen und überschlagen.
  • bei Betreten eines bekannten Raumes mit Lichtautomatik auch dann noch den Schalter sucht, obwohl das Licht eben wegen der Automatik schon angegangen ist.

 

Im Gegensatz zum „Looser bei Tag“ kann es passieren, dass das Gehirn nachts plötzlich auf Vollgas schaltet. Nicht selten entstand das Gerüst eines Blogeintrags am Tag in Form von Kurznotizen und *bing*: mitten in der Nacht wache ich auf, um Blogeinträge seitenweise per Hand vor zu schreiben, damit sie am Folgetag einfach abgetippt werden und online gehen können.

Hier geht’s ab, Freunde, ich sag es Euch … Da macht man sich als gesunder Mensch wirklich kein Bild von! So in Etwa habe ich nun eine Vorstellung davon, wie sich echte Alzheimerpatienten fühlen müssen. – Gar kein Spaß!

Um sich einerseits von der Belastung der Gesamtsituation abzulenken, andererseits sich der geistigen, körperlichen wie auch sprachlichen Einbußen nicht ganz ergeben zu müssen, empfiehlt sich Gehirntraining in Form von Rätsel lösen, Bücher lesen, Denkspiele-Apps (Worte, Rechnen, Unterschiede in Bildern finden etc.) und so viel wie möglich an der frischen Luft zu bewegen, um sich auch in der Natur immer wieder neue

Eindrücke und Erlebnisse zu holen, die das Gehirn bei der Verarbeitung anregen.

*in diesem Sinn*
Eure Sandra

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