Vogelpflegestationen zum Aussterben frei gegeben

Offener Brief zum Rücktritt der St. Galler Vogelpflegestationsleitung
von Yvonne Bütehorn-von Eschstruth, Bio-Top e.V. – Vogelpflegestation und Wildtierhilfe Hegau-Bodensee, D-78269 Volkertshausen

Wir sind dann mal weg! – Vogelpflegestationen trotz ethischer Notwendigkeit zum Aussterben frei gegeben.

Über 50 Jahre engagiere ich mich nun schon im Naturschutz und betreibe zusätzlich eine Pflegestation für in Not geratene heimische Wildvögel.

Menschliche „Zivilisationsbedürfnisse“ (Umweltgifte, Zersiedlung, Überbauung, steigender Verkehr, intensive Land- und Forstwirtschaft, Sanierung und Modernisierung von Gebäuden, hohe Katzenpopulationen usw.) bringen alle heimischen Wildtiere durch den stetig steigenden Überlebensdruck derart in Bedrängnis, dass bspw. die Einlieferungsquote in unsere Pflegestation in den letzten Jahren um das 3-fache anstieg.

Besonders anzumerken ist, dass es immer noch gesellschaftlich wie politisch an klar geregelten Zuständigkeiten fehlt, wer für hilfsbedürftige, in Not geratene heimische Wildtiere letzten Endes wirklich verantwortlich und zuständig ist?

Alle Wildtierschutzeinrichtungen, die ganzjährig täglich rund um die Uhr erreichbar sind, müssen bislang einen Spagat von Einsatz und Improvisationstalent leisten, den sich die Gesellschaft nicht einmal im Ansatz vorstellen kann oder möchte. Die damit oftmals verbundenen großen finanziellen Nöte nicht zu vergessen.

Wir, die Wildvogelpflegestationen, sind nicht nur gleichzeitig Beratungsstelle, Intensivstation, Rehazentrum und organisieren Auswilderungen, wir sind auch: Pflege- u. Putzkräfte, Köche, Tierärzte, Physiotherapeuten, Gärtner und Bürokratiebewältiger. – Und all dies in der Regel ehrenamtlich!

In Zahlen ausgedrückt, leistet bspw. unsere Einrichtung, für durchschnittlich 1.100 Wildtier-Patienten mit BfD’ler und Praktikanten ca. 21.500 ehrenamtliche Arbeitsstunden im Jahr; dies entspricht einer täglichen Arbeitszeitleistung von über 58 Stunden – mehr als das Doppelte, die ein echter Tag hat!

Allein um jedem eingelieferten Tier entsprechend seiner artspezifischen Bedürfnisse und Versorgung gerecht zu werden (Quarantäne, Spezialfutter, tiermedizinische Behandlung, Parasitenkontrollen, Inventar, Utensilien etc.), bedarf es ca. € 150.000,- / Jahr. Hierin nicht enthalten sind Kosten für etwaiges Personal, für Aufwandsentschädigungen, für Schulungen, für Instandhaltungs- und / oder Ausbauarbeiten.

Ehrenamtlich und / oder allein mit privater Unterstützung einiger Wenigen, ist all das keinesfalls auf ewig zu stemmen; auch nicht, wenn man bspw. „nur“ 400 Pflegetiere pro Jahr hätte.

Auf allen Ebenen versucht sich die Politik (in fast gewohnter Manier) jeder Verantwortung zu entziehen. Die Gesellschaft folgt diesem Vorbild, indem sie sich immer weiter gen Egoismus und nur-noch-Spaß-haben-wollen entwickelt, ohne sich dessen bewusst zu sein – oder soll man vielleicht treffender sagen: bewusst sein zu wollen? – die Lebensbedingungen, unter denen die Wildtiere vorherrschend leben und leiden müssen, selbst verursacht zu haben.

Aus diesem Grund ist es auch unsere Aller Verantwortung, in Bedrängnis geratene, zu Schaden gekommene Wildtieren wieder auf die Füße und Pfoten zu helfen. Kein Lebewesen ist so gering, dass man es seiner Not selbst überlässt oder, womit es heutzutage nur allzu gern und lapidar abgetan wird: „die Natur wird es schon regeln“.

Wildtierpflegestationen sind auch dazu in der Lage, einen wertvollen Beitrag zur naturpädagogischen sowie ethischen Bildung zu leisten.

Dass die Betreiber der Vogelpflegestation St. Gallen ihren Rücktritt in der Stiftung erklärten, ist als wachrüttelndes Signal zu werten, dass alles bisher ehrenamtlich Geleistete nicht mehr schaffbar ist und zu Recht wenigstens eine TierpflegerIn-Gehaltsstelle gefordert wird.

Es wäre nicht nur sehr schade, sondern auch ein Zeichen exorbitanter Ignoranz, nun auch das Lebenswerk von Dora und Christian Müller gegen die Wand fahren zu lassen.

Tägerwilen: weg. Berlingen: weg. Landschlacht: weg. St. Gallen: bald weg. Immer rarer werden die Anlaufstellen in der Schweiz und Deutschland – es gibt kaum Nachfolger!

Ich, Yvonne Bütehorn-von Eschstruth, bezeuge Dora und Christian Müller meinen allerhöchsten Respekt und Wertschätzung für mehr als zwanzig Jahre ehrenamtliche Wildvogelpflege – verbunden mit der Hoffnung auf Fortbestand – denn ihnen und uns geht es um einen wichtigen Auftrag im Sinne der heimischen Vogelwelt!

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