KÖRPERWELTEN – Körperspenden

Mehr als ein Jahr war ich am Überlegen, wie dieses Thema gekonnt zur Sprache zu bringen ist. Obwohl sie mir Kopf brannten, so gut wie fertig auf der Zunge lagen, die Finger zucken ließen: meine Gedanken waren ums Verrecken nicht dazu zu bewegen, als Worte über die letzte Schwelle nach draußen zu gehen. Ja, auch das gibt es mal und wenn ich Eines während des Kampfs gegen Brustkrebs endgültig gelernt habe ist es: (noch mehr) Geduld zu haben.

Erkrankt man an Krebs oder einer anderen chronisch werden bzw. wieder kommen könnenden, schweren Krankheit, verabschiedet sich nicht nur das bislang bekannte Leben auf Nimmerwiedersehen, man darf zudem an keiner Spenderoptionen mehr teilhaben, für die man sich bislang zur Verfügung gestellt hatte: Organe, Gewebe, Knochenmark, Blut usw..

Was einem allerdings (bislang) Niemand sagt: Obwohl Krebspatienten – mit deren Zustimmung – an das Landeskrebsregister gemeldet werden, um Statistiken pflegen zu können, erfolgt bspw. mit der DKMS gemeinnützige GmbH (ehemals Deutsche Knochenmarkspenderdatei) kein automatischer Abgleich, dass und wer an Krebs erkrankt und somit als Knochenmarkspender komplett aus dem Spiel ist. – Einerseits soll Blutkrebs (Leukämie) besiegt werden, andererseits kann man Gefahr laufen, einen anderen Krebs weiter zu geben, vergisst man, der DKMS Bescheid zu geben.

Nach (vorerst) erfolgreichem Kampf gegen Brustkrebs fühlte ich mich irgendwie „nutzlos“; selbst meinen Organspenderausweis hatte ich dahingehend erneuert, respektive erneuern müssen, dass unter Anmerkungen/Besondere Hinweise jetzt Mammakarzinom re. 03/2017 stand, wodurch ich nun auch in Sachen Organspende die ersten 5 Jahre nach Therapieende gesperrt bin. – Scheißspiel.

Der Für-und-Wider, Hui-und-Pfui-Zirkus, der immer wieder um Gunter von Hagens Plastination menschlicher Körper und Körperteile gemacht wird, ging selbst an mir nicht unbemerkt vorbei und wer mich entweder persönlich oder über meinen Blog kennt, weiß: je lauter unqualifiziertes Zeug von sich gegeben wird, umso eher tauche ich auf der Bildfläche auf um Moooment mal, …! zu signalisieren.

Nachdem ich durch meinen Merkel überall raus geflogen war, rief ich beim IfP in Heidelberg an, schilderte meine Lebensumstände und *freu freu freu* : ich war herzlich willkommen!

Im Gegensatz zu allen „etablierten“ Organisationen, die sich den Spenden menschlicher Substanz für die Heilung oder Linderung verschrieben haben, geht es beim IfP um weitaus mehr, als „nur“ Blutzellen oder „nur“ Organe“ oder „nur“ Knochenmark – der Mensch im Ganzen, dessen Leben und damit auch sein Tod, zählt! Der älteste, noch lebende, registrierte Körperspender ist laut Dr. Whalley 102 Jahre alt, erfreut sich seines Alters entsprechend bester Gesundheit und ist auch sonst gut drauf.

Meine Familie und die engsten Freunde kennen mich: mein zweiter Vorname ist alles mögliche, doch ganz sicher nicht konventionell, von daher verwunderte der Schritt zum Körperspender Niemand wirklich. Einzig ein paar Bekannte, die deutlich älter waren bzw. sind als ich, hatten mit dieser leicht unkonventionellen Art, dem Leben Respekt sowie seinem Kumpel Tod Tribut zu zollen, ihre Probleme. Sie wollten mich nicht irgendwo rumstehen und ausgestellt sehen! – Hin und wieder ließ man mein: wenn alles nach Plan läuft, trittst du eh vor mir ab, lässt dich verbuddeln oder verbrennen, kannst six feed under vor dich hinverwesen und musst dir „über mich“ so rein gar keine Gedanken mehr machen. gelten.

Außerdem: wenn mir die Gesetzgebung in Deutschland das von einem Berg im Allgäu (Heimat) verstreut oder ebenfalls in Ascheform, verpackt in einer sich biologisch zersetzenden Urne im Bodensee (Wahlheimat) versenkt werden verbietet, so sehe ich auch nicht ein, mich für (zu) viel Geld verbrennen und/oder verbuddeln zu lassen.

Eigentlich wollte ich mir dieses Jahr meine erste KÖRPERWELTEN-Ausstellung in Ulm, als nächstmöglicher Ort geben. Als ich allerdings auf deren Webseite las, dass sie nur wenige Wochen später in Freiburg gastieren, freute ich mich umso mehr: gut 100km weniger Weg. – Um den Eintrittspreis braucht man sich als Körperspender keinen Kopf machen: mit Vorlage des Körperspenderausweises ist er weltweit nicht nur lebenslang, sondern buchstäblich über den Tod hinaus inklusive.

Nach etwas mehr als einem Jahr als offiziell registrierte Körperspenderin erhielt ich heuer Mitte April eine Mail vom IfP, mit der Frage, welche Körperspender Zeit und Lust hätten, an der Pressekonferenz zur Eröffnung der Ausstellung in Freiburg teilzunehmen und neben Interviews mit der anwesenden Presse auch einen individuellen Rundgang durch die Ausstellung zu  machen? – Was für eine Frage! Sowas von auf jeden Fall! Mit mir waren schließlich vier weitere Körperspender anwesend: 1 Mann, 3 Frauen, ein unbeschreiblicher Mix aus Individuen.

Nachdem ich Arne Bicker von Radio Regenbogen mein erstes Interview gegeben hatte, was mich dazu bewog Körperspenderin zu werden, ob ich denn gar keine Probleme damit habe, irgendwann vielleicht auch ausgestellt zu werden, ob man als Körperspender dafür bezahlt würde u.a.m., und auf die nächsten, angekündigten Pressevertreter wartete, stand ich in Hörweite meines „Kollegen“ Markus aus Freiburg, der mich laut und herzhaft zum Lachen brachte: Nachdem er jetzt im Leben viel unterwegs war und ist, wüsste er nicht, warum sich das nach seinem Tod ändern sollte; außerdem sei er gerne unter Menschen. – GRÖHL! Die zweiten Pressevertreter, die erst mich, dann Markus und schließlich Vier von uns zusammen interviewten und fotografierten, waren zwei Mädels von fudder, einem lokalen Onlinemagazin.

Mega fand ich auch „Kollegin“ Brigitta aus Rheinfelden: keine Kinder, kleine Familie. Wer kümmert sich um Alles sie betreffend, wenn sie gestorben ist? Wer pflegt ihr Grab? usw. Noch dazu habe sie die seltene Krankheit ‚Situs inversus‘, zu deren besseren Verständnis – Information & Aufklärung – sie mit ihrer Körperspende beitrüge.

Vor langer Zeit lernte sie bei einer Ausstellung Gunther von Hagens (seit 2008 an Parkinson erkrankt) kennen, setzte sich mit der Option auf Plastination auseinander und kam für sich zu dem Entschluss, dass genau das für sie das Richtige sei. Nachdem Brigitta den Vertrag, genauer gesagt die Verfügung „Körperspende zur Plastination“ unterschrieben und abgeschickt hatte, fühlte sie sich befreit und zufrieden.

„Kollegin“ Nr. 2, Rosita, war mit ihren 70 ebenfalls gut auf Zack: sich vor vielen Jahren nach dem Tod grundsätzlich der medizinischen Wissenschaft, Forschung und Ausbildung zur Verfügung gestellt – wenn bei all der Rumschnippelei von Studenten an ihr auch nur ein wirklich guter Arzt bei raus kommt, habe sie alles richtig gemacht – sagte ihr von Hagens Plastination schließlich mehr zu. Während ihr Sohn bei der allgemeinen Zurverfügungstellung blieb, wechselte sie zum IfP und darf sich nach ihrem Tod auf ein neues „Leben“ freuen.

von Links: Rosita (70), Markus (42), Brigitta (66), ich (44). Mit freundlicher Genehmigung von Emma Tries (Lokalredakteurin bei fudder.de) zur Verwendung in meinem Blog überlassen. Herzlichen Dank nochmal an dieser Stelle, alles Liebe und Gute nach Freiburg! 😉


An der Pressekonferenz nahm neben Hanna Böhme (FWTM-Chefin), Frau Dr. Angelina Whalley (Kuratorin und Ehefrau von Gunter von Hagens) auch Philosophieprofessor Dr. Franz-Josef Wetz teil, der sich in Bezug auf das doch recht stark polarisierende Plastinations- und zur Schaustellungsthema den Fragen von Bioethik sowie die oftmals heftig kritisierte Wahrung der Menschenwürde angenommen hat.

Herr Prof. Dr. Wetz stellt zu Beginn seiner Rede fest, dass jede Beziehung, womit man als Mensch zu tun hat, körperlich ist. Seien es die einfachsten Bedürfnisse bis hin zur ganz großen Liebe. Sein Satz: Wir haben nicht nur den Körper, wir sind der Körper. gefiel mir sehr.

Während die allgemeinen Kritikerstimmen zunehmend verstummen,  bezeichnen Schreiberlinge, die einfach nur schnell, kurz vor Redaktionsschluss noch irgendwas auf Papier bringen müssen, um ihr Honorar einstreichen zu können, KÖRPERWELTEN gerne als „Ausstellung des Todes“, „Leichenfledderei“ und besonders Professionelle (*hüstel hüstel*) sogar als „Spielart des Kannibalismus“.

Um mich den Worten von Prof. Dr. Wetz zu bedienen: KÖRPERWELTEN stellt das menschliche Dasein nicht nur neutral, ohne jede Wertung über Herkunft, Religion etc. dar, sondern trägt in drei Dimensionen für Information, Aufklärung und [sofern vorhanden;  meine Anmerkung] zur Erweiterung des eigenen Horizonts bei:

  • Der Tod demonstriert das Leben; ohne Tod kein Einblick ins Leben.
  • Der Respekt, den der menschliche Körper im Grunde genommen verdient, wird in gewisser Weise ein Stück weit zelebriert.
  • Das Gesehene lässt den Betrachter sich leichter selbst reflektieren, seines Körpers Wert sowie der eigenen Verletzlichkeit, Vergänglichkeit bewusster werden.


Auch die vielmals angezweifelte Wahrung der Menschenwürde weiß Prof. Dr. Wetz klar zu rücken:

  • Ist es soviel würdevoller, sich , weil „gesetzlich vorgegeben“, von Würmern zerfressen lassen zu müssen?
  • Um wieviel sind Entnahme von Organen, Gewebe etc. für Transplantationen würdevoller?
  • Zwei der wichtigsten Aspekte, die als Beweis der Wahrung der Menschenwürde heran gezogen werden können, sind a) die Freiheit (sich als Körperspender zur Verfügung stellen zu wollen) und b) Wahrung der Privatsphäre (totale Anonymisierung der Spender)


Was mir erst nach meinem Rundgang bewusst wurde, war das Besucherverhalten: im Vergleich zum Umgang mit Exponaten in anderen Museen, wird den ausgestellten KÖRPERWELTEN-Plastinaten mit deutlich mehr Respekt und Anstand gegenüber getreten. Kein Rumalbern, kein lautes Toben, kein Kein-Bock-mehr-drauf,-will-heim und dergleichen.

Der bzw. die ein und andere Jugendliche lässt vielleicht mal ein Iiihh, schau(t) mal….! oder gibt leise einen dummen Spruch über das Aussehen von sich – in einigen Jahren werden auch sie ihren Verstand (hoffentlich) gefunden sowie gefestigt haben. Die Verwirrung, seinen eigenen Körper über einen eigentlich Fremden aufgezeigt zu bekommen, mag mit ein weiterer Grund der – sagen wir mal – Selbstdisziplinierung sein; ebenso muss das Phänomen der Selbstbegegnung wohl erst mal sacken können.

Alles in Allem ein sehr interessanter, aufschluss- sowie erkenntnisreicher Tag. Mal sehen, ob und was ich für mich selbst mitnehmen konnte und vielleicht doch noch umgesetzt bekomme?

Meine Entscheidung, Körperspender zu werden war mehr als richtig und jedem, der das anders sieht, einen gut gemeinten Rat: Erst Gucken, dann Denken und wenn es sich rein gar nicht vermeiden lässt, von mir aus Reden/Schreiben – nicht umgekehrt! Da ist wohl mal ein weiterer „Dank“ an mein Merkel fällig, ohne den ich diese Option vielleicht nie oder nicht so schnell ins Auge gefasst hätte?

Zum Abschluss meinen herzlich Dank an Frau Dr. Angelina Whalley, die meiner Frage und Bitte nach einem gemeinsamen Bild sehr gerne nachgekommen ist und statt ein Selfie „zu riskieren“ kurzerhand eine Mitarbeiterin zum Foto machen einspannte.

*in diesem Sinn*
Eure Zeller

Weitere interessante Artikel zum Thema und von der Ausstellungseröffnung in Freiburg:
Faszination KÖRPERWELTEN
Plastinarium in Guben
Internetzeitung regiotrends.de (Markus, FR)
baden.fm (Brigitta, LÖ)


 

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