Sonntag, Mai 16
Shadow

… und Draußen scheint die Sonne.

Ein sonniger Mittwoch Nachmittag am westlichen Ufer des Bodensee. Mit dem Rücken an eine große Weide gelehnt, schaue ich mich aus dem Halbschatten der noch halbnackten Zweige um: links von mir, in gut 20 Meter Entfernung, brütet ein Schwan im noch lichten Schilf und ich denke mir: Hoffentlich kriegt er alle Küken durch! Dann schwenkt mein Blick aufs Wasser: direkt vor mir schwimmen und tauchen vereinzelt Blässhühner, meine Lieblingswasservögel der Kindheit.

Weiter weg, etwa mittig vom See schwimmt eine Gruppe Blässhühner oder Gänse; aufgrund der Entfernung sind die Tiere nicht bestimmbar. Dennoch hört sich dieser Chor wie eine quengelnde, sich vielleicht auch in einer Notlage befindlichen Katze an. Es kann eigentlich nicht sein, trotzdem schaue ich mich genauer um, ob nicht vielleicht doch eine Katze gerade Hilfe braucht. – Bin vielleicht ich diese Katze?

Eines ist momentan sogar mir klar: ich bin verzweifelt und meine Gedanken sind aktuell eher negativ. Warum sonst kann ich mich nicht einfach nur über einen brütenden Schwan freuen? Warum denke ich daran, dass nicht alle Küken durchkommen könnten? Wird das Nest von irgendwelchen Idioten zerstört? Macht dem Schwan der Bodensee selbst einen Strich durch die Rechnung? Werden Raubtiere die Jungen holen? – Was soll das?!

Eigentlich möchte ich auf andere, schönere Gedanken und Eindrücke kommen, die der letzten Woche waren strapaziös genug. – Keine Chance! Es ist, als befinde ich mich in einer Art Gummiband und sowie ich auch nur den Hauch eines Ansatzes mache, um Positives zu sehen, schnelle ich zurück in eine Dunkelheit, die ich so zwar nicht akzeptieren möchte, gegen die ich allein allerdings auch nichts ausrichten kann.

Aus dem Nichts heraus überkommen mich Fragen, für die es – vielleicht … vielleicht auch nicht – keinen Anlass gibt, die mir aber das erste Mal in meinem Leben wirklich Angst machen und sich ums Verrecken weder abstellen, noch einfach wegwischen lassen: Wie viel Zeit bleibt mir noch dies, noch das, noch jenes zu sehen, zu machen? Wie lange habe ich noch mit den Menschen, die mir wichtig sind oder denen ich (vielleicht) wichtig bin? Und vorallem: Wie lange habe ich noch mit meinem neuen Haustier und was passiert mit ihm, wenn ich nicht mehr bin?

Welch Ironie: in wochenlanger, harter Arbeit verhalf ich meinem neuen Pflegling aus seiner Angst vor der Welt und jeder, der um seine Herkunft weiß und ihn heute sieht, glaubt kaum, dass es sich um ein und dasselbe Tier handelt. – Nur mich selbst bekomme ich nicht aus der Angst und Panik manövriert, die mich seit etwa einer Woche in Besitz genommen haben.

Was war passiert?

Die bisherigen Chemozyklen (2 Wochen 3-0-3 Tabletten, zzgl. je 1x wöchentlich Infusion, 1 Woche Pause) verliefen vielversprechend und „erwartungsgemäß“: seit Beginn der Chemo am 28.12.20 mit den ersten Tabletten, über die erste Infusion am 12.01.21 bis zum 25.03.21 sank der Tumormarker des metastasierten, hormonbedingten Krebses auf der linken Seite von 192 auf 80. – Das konnte sich sehen lassen!

Ob es eine Verbindung gibt, kann – mal wieder – niemand sagen, ABER: am 07.04.21 erhielt ich – endlich und von Anfang an auf Wunsch – die erste Covid19-Impfung mit BionTech.

Tags drauf (08.04.) stand wieder „Suppenküche“ (Infusion) auf dem Plan, im Rahmen derer immer meine Blutwerte, am Tag der ersten Infusion auch der Tumormarker, kontrolliert werden. – Dieses Mal war der Tumormarker um 7 gestiegen, was ich nicht so ganz einfach nur zur Kenntnis nehmen konnte bzw. wollte.

Laut der onkologischen MTA sollte ich mir keinen Kopf machen, dies könne mal vorkommen. Eventuell ist es eine Werteverschiebung im Labor, wie sie auch beim Blutbild vorkommen kann. Lediglich, wenn der Wert nochmal ansteigt, müsste man sich das genauer ansehen. – Alles leichter gesagt und erklärt, als getan. OK, vielleicht war ich bislang auch schlichtweg zu verwöhnt, so ‚fluffig‘ und ‚planmäßig‘ wie ich bislang durch beide Therapien ’schlenderte’…

Vor lauter Medikamenten, die sich derzeit in meinem Körper nützlich machen sollen, sind aufkommende Nebenwirkungen nicht wirklich zuordbar. Die auffälligste Nebenwirkung von allen ist der Leistungseinbruch mit Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Mattheit. Frei nach dem Motto: Der Abwasch kann warten, das Leben nicht! brauche ich oft Stunden, eher Tage, mich für irgendwas zu motivieren, wenn es weder für mich, noch für mein Pflegefell existentiell ist.

Aufgrund des Tumormarkeranstiegs nahmen die ohnehin bestehenden Unruhezustände und (Durch)Schlafprobleme zu. Citalopram hatte ich schon eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr genommen, mir ging es ja gut und das homöopatische Mittel Neurexan half so einigermaßen, aktuellen Standes in der Spur zu bleiben. 12 Tage nach der Covid19-Impfung und des Tumormarkeranstiegs fiel ich in eine massive Schwäche und extremen Leckt-mich-alle-sowas-von-am-Arsch!-Befinden. – Gruselig!

Ich fragte meine Haus-Doc, was man (evtl. mit Vitaminen) tun könnte, um wieder hoch zu kommen? Ihrer Empfehlung, Mulitvitaminsaft zu trinken, kam ich zeitnah nach. – Als „Behelf“ mir vorab dieses Vitasprint B12 gegeben, konnte ich nach den ‚vorhergesagten‘ 2 – 3 Tagen keine prägnante Wirkung feststellen. € 22,- zum Fenster rausgeworfen…

Meine erste Multivitamin-„Spülung“ hatte einen durchschlagenden Effekt, weshalb ich den Saft seitdem 1:1 mit Wasser verdünne (strecke).

Zwei Wochen nach dem ersten Tumormarkeranstieg, nach einer etwa dreimonatigen Wartezeit, dann ENDLICH der Termin mit meinem Chemo-Doc!! Der Doc war nur teilzufrieden und erkennbar besorgt, zumal der Tumormarker in der Zwischenzeit nochmal, von 87 auf 98, angestiegen war und es hierfür keine greifbare, klare Erklärung gab.

Selbst meine Haus-Doc versuchte mich mit ihren Laborerfahrungen aus der Studienzeit zu beruhigen, dass auf Laborwerte nicht allzu viel zu geben sei und man sich davon möglichst nicht verrückt machen lassen soll. – Hm. Lag der erneute Anstieg tatsächlich an „nur Laborwerte“ oder hat sich der Krebs nun entschieden, sich neu, vielleicht sogar sein wahres Potential zu entfalten? Ist das Arschloch jetzt angezickt oder angezählt?

Die Erklärungen des Chemo-Docs nahm ich erst mal ohne jede tiefergehende, persönliche Wertung zur Kenntnis; zumal ich bemüht war, auf die sich angesammelt habenden Fragen der letzten Monate Antworten zu erhalten. Selbst, dass die Möglichkeit bestünde, dass Krebszellen das Lymphsystem des rechten Arms verstopfen und dieser deshalb, trotz regelmäßiger Lymphdrainage, nicht wieder dünner wird, nahm ich einfach erst mal so hin.

Der Inhalt des Gesprächs kam erst auf dem Heimweg peu-à-peu bei mir an und – ganz ehrlich: wäre ich immer noch ohne neues Haustier gewesen, wäre mir in diesem Moment Alles egal gewesen. So genervt, wütend, verzweifelt, ängstlich und panisch zugleich fühlte ich mich.

Bereits in der ersten Therapie stellte ich mich jederzeit allen Maßnahmen und Konsequenzen, um gesund bzw. geheilt zu bleiben und trotzdem besitzt dieses Arschloch die Frechheit nicht nur
a) zurück zu kommen, sondern
b) auf Winterdienst zu machen (streuen) und meint
c) sich auch noch aufbäumen zu können…

Man mag es kaum glauben, doch auch ich bin zu einem gewissen Teil nur ein Mensch.

Nein, keine Sorge: für Suizid bin ich 100%ig zu feig. Allein bei meinem „Glück“, würde ich wohl eher im Rollstuhl landen oder mir erhebliche Organschäden zuziehen. – Ok, ich bin nicht nur feig, sondern auch zu blöd dazu. Ich hätte eher die Therapie abgebrochen und alles andere verweigert. Doch ich bin nicht mehr alleine und es gibt da ein Lebewesen, das gewissermaßen auf mich angewiesen ist.

Der nächste Schritt ist nun ein Kontroll-CT, um den Vergleich zu Dezember ’20 zu haben und so wie es aussieht, geht es dann – solo oder zusätzlich?, jenachdem wie die „Dinge“ buchstäblich liegen – wieder auf Bestrahlung hinaus.

Einen Tag nach dem Chemo-Doc-Gespräch hatten Angst-, Panik- und Heulattacken derart Fahrt aufgenommen, dass ich Hilfe bei meiner Haus-Doc suchte: um der Combo aus bekannter Unruhe, Schlafproblemen und den Attacken Herr zu werden, wurde ich von Citalo nun auf Mirtazapin gesetzt, wovon ich Abends 1 nehmen sollte. … – Meine erste Mirta im Leben klappte mich gleich mal gut 12 Stunden (!) weg, was ich vorallem meinem Fell gegenüber weder verantworten wollte, noch kann.

Intuitiv dosierte ich mich auf eine 1/2, was mir allerdings tagsüber keine Punkte brachte und weshalb ich, nach Rücksprache mit meiner Doc, nun folgendermaßen eingestellt bin: 1 Citalopram morgens, 1/2 Mirtazapin Abends und dazwischen, nach Bedarf, Neurexan. Zusätzlich „gönne“ ich mir die Bach-Blüten-Essenz Nr. 29, die Feuerwehr unter den BB’s. Um diesen Attacken möglichst zu entkommen ist mir – fast – alles recht!

Vielleicht schlagen nun einige Leser unter Euch die Hände über den Kopf zusammen: MIRTAZAPIN und CITALOPRAM, viiiiiiel zu gefährlich!! – Leute, wir sind hier weder auf dem Waldorf-Ponyhof, noch bei wünsch-dir-was, sondern bei: SO-IST-ES! Und wer genau so einen Höllenritt, mit dem gleichen Hintergrund noch nie selbst erleben musste, sollte sich nicht nur überglücklich schätzen, sondern auch die Backen dicht machen.

Für grundsätzlich labile Persönlichkeiten mag Medikamentenabhängigkeit ein ernst zu nehmendes Thema sein, nicht umsonst gibt es derartige Antidepressiva nur vom Arzt verschrieben! Für mich und für Jeden, der (wie ich) eine solide Grundeinstellung sowie Stärke hat, sehe ich dagegen keine Gefahr, zum Junkie zu werden.

Zwar kann ich hier nur für mich sprechen, doch vielleicht geben mir Andere, die sich (ein wenig) wiedererkennen recht: Für Jemand, der nur vorübergehende Hilfe möchte, weil die eigene mentale wie körperliche Stärke situativ nicht ausreichen, ist die Gefahr in ein weiteres, lebenseinschneidendes Ereignis (Sucht) zu geraten, weit geringer, wie für Jemand, der Antidepressivas als eine Art Loswerden oder Abnahme der – lösbaren – Probleme sehen und meinen, sie selbst müssten sonst nichts weiter, als Tabletten schlucken, tun.


Bei schönstem Sonnenschein, meine, seit Tagen durch immer wieder ausbrechende Tränen gebeutelten Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt, sitze ich nun also im Gras am westlichen Ufer des Bodensees, mit dem Rücken an eine große Weide gelehnt und versuche die Szenerie zu genießen; ihre Kraft und Energie auf mich wirken zu lassen. – In etwa zwei Wochen beginnt die psychologisch-onkologische Betreuung aufs Neue … und Draußen scheint die Sonne.

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