Stadttaubenprojekt Frankfurt e.V.

    

Im Rahmen meiner Tätigkeit bei der hiesigen Wildtierhilfe führe ich von Zeit zu Zeit auch „besondere Einsätze“ durch, die mit vielen Kilometern und langen Fahrten verbunden sind.

Letztes Wochenende hatte ich neben der Aufgabe, vorallem die Ehre eine Einrichtung zu besuchen, deren Existenz mir bislang nur per Internet bekannt war und ich mich schon mal fragte, ob es das wirklich gibt? : das Stadttaubenprojekt Frankfurt e.V..

Ähnlich wie bei mir, waren auch für Gudrun Stürmer (Projektinitiatorin und 1. Vorsitzende des Vereins) Vögel nie ein echtes Thema; während meine Ambivalenz auf einem Kindheitsding gründet, war Gudrun zu sehr Katzenmensch.

Ihrerzeit, vor über dreißig Jahren, in Frankfurt unterwegs, stieß Gudrun auf eine verletzte Taube, an der sie schlichtweg nicht einfach vorbei gehen konnte. Sich dem Tier angenommen, suchte sie als Erstes einen Tierarzt auf, der ihr bei der Erstversorgung behilflich war. Damals fünf Katzen im Haushalt, konnte eine private Aufnahme der Taube nicht in Betracht gezogen werden, sodass sich Gudrun auf die Suche nach einer Anlaufstelle machte, wo sie die Taube sicher, geschützt, wieder zu Kräften kommen könnend unterbringen konnte und fand … Nichts!

Ungeachtet des Geschlechts, zog ‚Peter‘ (die Taube) schließlich doch bei Stürmers ein, erhielt einen maßgezimmerten Bauer auf dem Schrank, thronte einige Jahre über zwei Menschen, fünf Katzen und verbrachte seine Zeit in Wärme, bestmöglichem Schutz und sowas wie Geborgenheit, das sich Peter von Niemandem nehmen oder streitig machen ließ. – Alle nachfolgenden, sich bietenden Möglichkeiten wieder mit Artgenossen zu leben, schlug er auf Taubenart aus. Seine Menschen, seine Katzen, sein Reich unterhalb und auf seinem Schrank!

Heute (seit 2007 anteilig, seit 2014 vollständig) befindet sich das Stadtaubenprojekt auf einem ehemaligen, 4.500m² großem Kleintierzuchtvereingelände, welches unter der Woche neben Gudrun und ihrem Mann Karl-Heinz, mit zwei Festangestellten (ehemalige Langzeitarbeitslose) sowie am Wochenende zusätzlich mit vier top-zuverlässigen Ehrenamtlichen betreut wird.

Flugratten. Geflügelter Tod. Ratten der Lüfte. Sind halt da. Gehören halt irgendwie dazu, aber wirklich brauchen tut man sie nicht. – Stadttauben haben es alles andere als leicht. Gleiches gilt für ausrangierte Brief- oder Zuchttauben.

Apropos „brauchen“: es gab eine Zeit, in der die Vorfahren genau der Tauben, die heute ignoriert, verpöhnt, gejagt, gequält, unsinnig getötet, deren Fütterer mit schwachmatischen Strafen belegt werden, vom Menschen tatsächlich gebraucht wurden:

Genau genommen sind heutige Stadttauben nämlich Nachkommen verwilderter Haustiere, die ab dem 16. Jahrhundert als Nahrungsmittel (Fleisch, Eier) gezielt gezüchtet wurden und in Kriegszeiten die Zusatzfunktion als Postboten erfüllten. Die Landwirtschaft bedient(e) sich zudem ihres Kots als Dünger, woran durch die betreute, fokussierte Haltung (Stichwort: Taubenhäuser, betreute Taubenschläge) sehr leicht ran zu kommen war.

Gudrun (knapp Mitte 60) eine offene, herzliche, gerade, ehrliche Frau, wie ich mit Sinn und Verstand fürs praktisch-funktionelle, führte mich durchs Gelände, erklärte mir ohne zu beschönigen oder Übertreibung fachliche sowie wirtschafliche Aspekte ihres Lebenswerks und ich muss sagen: Hut ab!

Natürlich ist die Einrichtung, die Volierenanlage in die Jahre gekommen und es bräuchte sehr viel mehr helfende Hände, als „nur“ zwei Festangestellte unter der Woche sowie vier Ehrenamtliche am Wochenende, die auch dann kommen, wenn eine Haarwurzel schmerzt oder der kleine Zeh zwickt. Die finanziellen wie materiellen Mittel nicht zu vergessen!

Den meisten Findern und Bringern von Tauben sind als Unterstützung für die nachfolgende, echte Tierschutzarbeit oft schon € 5,- Spende pro Schnabel zu viel. – Ohne Worte.

Für die Betreuung der städtischen Taubenschläge wird der Verein von der Stadt Frankfurt bezahlt. – Glaubt mal nicht, dass auch nur ein müder Cent für den „privaten“ Gnadenhof in Oberrad rüberkommt.

Gut gemeint, doch m.M.n. mal wieder schlecht (weil völlig realistätsfern) gemacht: dieses Jahr erhielt Gudrun bspw. von der Stadt Frankfurt die Bürgermedaille für großes Engagement, unermüdlichen Einsatz – blablabla. Kennt man ja.

Haken an der Sache: im Großen und Ganzen sind „Bürgermedaillen“ (wo auch immer) mit Null Komma Null Euro dotiert und vom Material her so wertlos, dass man sie noch nicht einmal verkaufen kann, um davon wiederum wirklich Notwendiges, in erst mal ausreichender Menge kaufen zu können.

Vor wenigen Jahren, ein Unternehmer aus der Region gibt eine Taube ab, durfte sich auch auf dem Gelände umsehen und meinte: Ja, da wäre noch so einiges zu machen. Gudrun, mit ihrer geraden Art: Ja, warum machen Sie nicht den Anfang? – Und er machte ihn. Das Unternehmen gibt es heute leider nicht mehr, weshalb die Renovierung/Sanierung, der Auf-/Ausbau der einzelnen Volieren wieder ins Stocken gerieten.

Und leider sind nicht alle bzw. mehr Unternehmer (egal welche Branche) gegenüber S T A D T T A U B E N so unvoreingenommen, dass sie vor dem Tor Schlange stehen, um zu helfen.

Mehr als Bezeichnend für das Ansehen der gemeinen Stadttaube in der Gesellschaft, ist wohl folgendes Geschehen: eine Helferin des Stadttaubenprojekts hatte gute Kontakte zum Format „Harte Hunde“ mit Ralf Seeger vom Fernsehsender vox. Das Team fand die Idee gut, war Feuer und Flamme dafür und dann geschah … erst mal Nichts.

Auf Nachfrage, warum großes Schweigen im Wald herrsche, erfuhr die Helferin, dass das Team um Ralf Seeger supergerne anpacken und das Thema Taubenhilfe aufgreifen würde, doch leider versagten die Baumärkte ihre Hilfe bezüglich der, bei solchen Formaten üblichen Materialspenden. – Weder sind Tauben niedlich genug, noch lassen sie sich entsprechend drapieren, um ach so herzzerreißend in die Kamera zu schauen, wie bspw. Straßenhunde, die viele Hundert Kilometer entfernt von Deutschland – auch – ein trauriges Leben fristen.

Es entzieht sich leider meiner Kenntnis, welche Baumärkte angefragt wurden und derart blöd taten. Diese hätten mich als Privatkunde die längste Zeit gehabt bzw. würden mich nie bekommen.

Während Gudrun mich durch die Anlage führte und wir uns über die Situation sowie Problematik der Stadttaube unterhielten, äußerte ich, dass ich zwar kein großer Vogelfreund sei, ich es aber doch recht faszinierend finde, wie pfiffig diese Kerlchen (Tauben, Spatzen) sind, sich zum Überleben an andere Leben, andere Strukturen anzupassen. Gudrun stellte in den Raum: Pfiffig oder verzweifelt? – Stimmt: Wirklich pfiffig oder wirklich verzweifelt? …

Bild links: Im Innenraum einer der Seniorenresidenzen des Gnadenhofs. Unter sich, abseits junger, umtriebiger Artgenossen finden hier alte, gebrechliche und Tauben, die aus welchen Gründen auch immer nur noch zu Fuß unterwegs sein können, einen Rückzugsraum, wenn sie keine Lust mehr auf den dazugehörigen Außenbereich haben.

Ah, da seid Ihr ja, auf Euch ist halt Verlass … Spätestens jetzt kann ich Euch Luft holen hören, ihr „Freaks“, ihr „Experten“ …

Ja, die Volieren mögen vielleicht – „gemäß menschlichem Ermessen“ – nicht picobello sauber geleckt und wohlig-warm eingerichtet sein. – Hallo, merkt Ihr eigentlich noch was? Hier handelt es sich um ein Schutzprojekt für und mit verwilderten Haustieren, die – wenn es sowas gibt – dankbar und froh sind, dass sich ihrer aktiv angenommen wird. Ihnen ein Dach überm Kopf, ordentliches Futter sowie allzeit sauberes Wasser in der Schale vor den Schnabel gestellt wird und sie nicht mehr ständig in Hab-acht!-Stellung sein müssen, woher welche Gefahr (made by Mensch) als nächstes auf Leib und Leben kommt.

Liebe „Freunde“: wer oder was hindert Euch daran, Euch entsprechend einzubringen? Dem bestehenden Team des Stadttaubenprojekts in Frankfurt regelmäßig, zuverlässig, aktiv, finanziell, materiell zu helfen, um es ein Stück weit zu entlasten? – Einzig und allein Ihr selbst!

Die Freiflugvoliere 10 ist allen Tauben gewidmet, die draußen auf den Straßen ein elendes Leben führen, insbesondere aber einer großzügigen Spenderin, die es ermöglicht hat, dass es hier weitergeht.

Auch wenn Vögel niemals „meine“ Haustiere sein werden, so wäre ich dennoch sofort mit bei der Sache, würde ich nicht – wirklich 😉 – recht weit vom Gelände des Stadttaubenprojekts Frankfurt e.V. wohnen.

Deshalb mein persönlicher Appell von Herzen: Liebe Frankfurter, Kelsterbacher, Offenbacher, Groß-Gerauer, Neu-Isenburger und und und, gebt bei der Taubenhilfe von Gudrun und Karl-Heinz Stürmer nicht einfach nur Fundtiere ab, sondern lasst für die ganzheitliche Versorgung der Tiere auch was springen: Geld, Baumaterial, Zeit zum Helfen, handwerkliches Geschick usw. usf.

Die Tiere brauchen es, die Menschen danken es.

Wenn es sich die Vorfahren der heutigen Stadttauben wherever hätten aussuchen können, ich denke nicht, dass ein Zusammenleben mit Menschen (dem derzeit vielleicht höchstentwickelsten, doch garantiert schlimmsten und oft dümmsten Lebewesen auf diesem Planeten) ihre erste Wahl gewesen wäre.

Ich beende den Eintrag mit einem Bild, das ich machen konnte, während Gudrun eine Taube annahm und ich die Atmosphäre, die Szenerie, den bevorstehenden Abschied, die Ungewissheit des Wiedersehens noch einmal ganz für mich, in mich aufnahm:

… und es drückt die ganze Philosophie der Station aus. (Gudrun Stürmer) | Originalgröße per Klick.

*in diesem Sinn*
Eure Zeller

P.S.: zu einem interessanten Fernsehbericht von 2013 kommt Ihr über diesen Link; einen Zeitungsartikel (nach ganz meinem Geschmack geschrieben) gibt’s bei der Frankfurter Rundschau.

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