Montag, Mai 20
Shadow

Einmal Krebs, immer Krebs?

Wir alle haben Krebs, nicht jeder selbst als Krankheit, aber irgendwo in unserem Umfeld, im Freundeskreis oder in der Familie. (Sat1 – Kampagne & Mutmach-Woche, Februar ’22)

Wie sich Frauen und Männer fühlen müssen, die bei ihrer Erstdiagnose Krebs in unbändige Angst, Panik, Verzweiflung, Hilflosigkeit und / oder sofortige Resignation verfallen, weiß seit Mitte Februar nun auch ich.

Den Glauben genommen zu bekommen, man habe es ein zweites Mal geschafft und dann doch wieder vor eine Wand zu laufen … Wie Horror pur dies ist, lässt sich, glaub‘ ich, sehr gut an den Bildern erkennen, die ich aus eigenen Fotografien (in ursprünglich entspanntem Kontext) mit Text gestaltete.

In Phasen wie diesen kann man sich den glücklichsten Menschen nennen, wenn auf das Umfeld blind Verlass ist und man ehrlich aufgefangen wird. – Vielen, vielen, vielen Dank an Alle, die mir in den besonders schwarzen Momenten, vor denen selbst ich nicht gefeit bin, wie Felsen in der Brandung beistehen!

Doch blicken wir erst mal zurück, Herbst / Winter ’21 / ’22; wenige Wochen nach unserer Auszeit in den Bergen:

Das agile Wohlbefinden war leider nur von kurzer Dauer. In der zweiten Novemberwoche etwa, begann erst (wieder) die rechte, bald folgend auch die linke Schulter zu schmerzen. Zeitgleich zu meiner flöten gehenden, neu gewonnenen „Fitness“ ermattete ich stark, war abgeschlagen, außer für meinen Hund und das Nötigste an Alltag zu Nichts mehr sonst zu motivieren. – Was geht?

Anfang Dezember waren meine Blutwerte, das erste Mal seit Chemo überhaupt!, derart schlecht, dass die erste Sitzung des Zyklus‘ zwar stattfand, die Zweite allerdings ausgesetzt wurde. – Auch so etwas lässt einem kurzzeitig die Nerven durchgehen.

Für Anfang Dezember war wieder ein Kontroll-CT terminiert, wofür man die Werte TSH (Schilddrüse) und Kreatinin benötigt. Der TSH-Normwert liegt bei 0,3 bis 3,6. Meiner lag bei 5,3, was allerdings (laut Doc) noch kein Grund zur Besorgnis darstellte.

Sicherheitshalber wurde etwa zwei Wochen später erneut Blut genommen. Nun lag der TSH-Wert bereits bei 12 und jetzt bestand auch Handlungsbedarf: Willkommen im Club der Hormontabletten-Nutzer gegen Schilddrüsenunterfunktion! Ein hoher TSH-Wert steht für Schilddrüsenunterfunktion, was die Abgeschlagenheit & Co. erklärte. Bei einer Schilddrüsenüberfunktion ist man kaum zu bremsen, ziemlich aufgekratzt und überholt sich sehr oft selbst.

Drei Tage vor Weihnachten ’21 erhielt ich einen Schilddrüsen-Schall. Er offenbarte eine durch Entzündung verkleinerte Schilddrüse, die ihre Aufgabe nicht mehr vollends erfüllen konnte: eine so genannte, weit verbreitete Hashimoto-Thyreoiditis, von der mehrheitlich Frauen jeden Alters betroffen sind.

Symptome, denen man (bereits) aufgrund bzw. während einer Krebserkrankung und Therapie ausgeliefert ist, weshalb wohl auch nicht so schnell auf eine Schilddrüsenunterfunktion gekommen wird und der Betroffene einer verstärkten Belastung unterliegt:
– ständige Müdigkeit,
– Schwäche,
– Abgeschlagenheit,
– Desinteresse,
– Unlust,
– Konzentrationsprobleme,
– Gedächtnisschwäche.

Weitere Symptome können sein:
– Heiserkeit,
– Kälteüberempfindlichkeit,
– Verstopfung,
– Gewichtszunahme trotz unveränderter Ernährungsgewohnheiten,
– trockene Haut,
– brüchige Nägel,
– spröde Haare,
– vermehrter Haarausfall,
– Zyklusstörungen,
– verminderte Fruchtbarkeit,
– erhöhte Blutfettwerte.

Auch wenn die kleine Schilddrüse ihre Arbeit gerne in gewohnter Manier leisten würde: Was nicht (mehr) geht, geht halt nicht (mehr)! Ähnlich wie ein wankelmütiger Chef, sitzt der Schilddrüse ein Rezeptor im Nacken, um sie anzutreiben. Damit die Schilddrüse aber nicht gänzlich zusammenbricht, erhält sie durch die Hormontabletten entlastende Unterstützung; vergleichbar mit Kollegen, die empathisch sind und / oder aus persönlicher Erfahrung wissen, worum es tatsächlich geht.

Ok, ein Problem konnte zumindest wieder gelöst und in den Griff bekommen werden.

Nichts desto trotz: ein Problem ist kein Problem … wenn man Krebs hat.

Im Wechsel von rechter Arm und beidseitig zum Rücken (nicht komplett über den Bauch bzw. Rücken gehend!) erschienen Mitte November rötliche Flecken, die weder juckten, noch schmerzten und auch keine Wärme von sich gaben. Am Arm war es besonders gut und faszinierend zugleich zu beobachten: aus Flecken wurde Fläche und umgekehrt.

Bis ich zur Doc konnte, war das Arm-Phänomen allerdings wieder ganz, das seitlich zum Rücken hin fast wieder verschwunden. Zum Glück hatte ich Bilder davon gemacht! Bis auf die Empfehlung erst mal diverse Allergene (Zitrusfrüchte, Ibuprofen u.ä.) zu meiden und die Erklärung vom Onko-Doc, dass es sich hierbei garantiert um keine Chemo-Nebenwirkung handelte, war ich letztlich nicht nur um ein Erlebnis reicher, sondern genauso schlau wie vorher.

Dez. ’21, nach Verlassen der Radiologie-Praxis: Im Kontroll-CT war kein Tumor(herd) mehr zu sehen. Meine Erleichterung und Freude wurde von der Sonne untermalt.

Einer der mich im Rahmen meiner Krebserkrankung sowas von nervte, war der Tumormarker. Obwohl weder meine Gyn im November, noch der Radiologe im Dezember einen Tumorbefund weiter bestätigen konnten, tümpelte die Nervensäge seelenruhig zwischen 64 und 57. – Die „Null-Linie“ bei meiner Brustkrebsvariante lag bei 32.

Dieses Rumgetrottel wurde damit erklärt, dass der Körper selbst seine Zeit bräuchte, sich einzupendeln; dass es sich schlichtweg um „Laborwerte“ handeln könnte; dass tatsächlich noch vereinzelte Krebszellen umher schwirren und neuen Anschluss suchen oder – last but not least – einzelne Schläferzellen wach werden.

Sicher werden mir viele Betroffene beipflichten, dass die persönliche Tagesform oftmals sehr wechselhaft sein kann, wodurch nicht nur Einschränkungen im privaten, sondern auch im beruflichen Bereich offenkundig werden. – Glück denjenigen, deren Vorgesetzte Büro- oder Werkstatttüren mit Wunderwirkung haben: kaum geht man als Krebsgeplagter durch, ist für die Zeit in der Arbeit alles Belastendes weg und man funktioniert 100%ig – und wehe, wenn nicht …

Die zweite Nervensäge war und ist mein rechter Arm, der immer noch nicht wieder schlank(er) werden möchte und mir mittlerweile wirklich Probleme in Form von Druckschmerzen und Beweglichkeit macht. Sei es am PC sitzend oder eine Jacke bzw. einen Mantel anziehen wollend.

Um meinen Arm noch etwas näher kennen zu lernen, erlaubte ich mir bspw. Anfang November ihn, ähnlich einer Kompressionsbandage, ab Hand Richtung Schulter mit mehreren Binden zu bandagieren … Am Ellenbogen war Schluss! Da schien die Blockade zu liegen?! – Im Kontroll-CT Anfang Dezember waren schließlich Ablagerungen zu erkennen, die von mir fortan die Bezeichnung Kiesbett erhielten. – Ohne meinen berühmt-berüchtigten Galgenhumor wäre ich ganz schön oft ganz schön aufgeschmissen.

Der 17. und damit (vorerst?) letzte Chemo-Zyklus 2.0 fand am 23. und 30.12.21 statt. Mit dem Hintergrund der Befunde von Gynäkologie und Radiologie bekam ich im anschließenden Gespräch mit dem Doc drei Optionen, wie es weiter gehen könnte:

1.) das mitunter „wirkungsloseste“ Mittel absetzen, mit den Tabletten sowie dem wirksamsten Infusionsmitttel weiter machen?
2.)
Beide Infusionsmitttel weg lassen und nur mit den Tabletten weiter machen?
3.)
Gar nichts mehr und auf PAUSE schalten?

Drei Mal dürft ihr raten, wofür ich mich entschied.

Frohen Mutes verließ ich meinen Onko-Doc und war sowas von stolz auf mich, wieder durch gehalten und abermals die Oberhand behalten zu haben. Ich stellte mich erneut auf das engmaschige Nachkontroll-Netz ein:

  • alle 3 Monate zur Gyn, davon 1x im Jahr Kontrolle in der Frauenambulanz;
  • Kontroll-CT’s nach Vorgabe;
  • Brust-MRT;
  • Mammografie;
Vorletzte Chemositzung am 23.12.21.

Revue passierend stellte ich für mich fest, dass die Gruppenleiterin der mamazone-Selbsthilfegruppe in Singen Unrecht hatte: nicht nur medizinische Aufklärung macht es Betroffenen leichter, mit diesem Schicksalsscheiß besser zurecht zu kommen, auch die finanzielle Absicherung, keine Existenz- und / oder Bedürftigkeitsängste haben zu müssen hat ebenfalls Gewicht. Wenn nicht sogar mal das Größte.

Während Corona wütete, die Welt um einen herum in Angst und Panik versetzte, Menschen und Wirtschaft vor große Herausforderungen stellte, die Nerven millioner Menschen blank legte, zogen mein Krebs und ich uns zurück, um unsere eigenen „Gespräche“ zu führen. Mit realistischen Bewusstsein, dass zwischen dem Arsch und mir lediglich Waffenstillstand, kein Friedensvertrag herrschte, startete ich dennoch optimistisch in 2022. – Ich hoffte einfach, zu denjenigen zu gehören, die zwei bis drei Jahre nach der Ersttherapie zwar einen Rückfall erleiden, aber innerhalb eines weiteren Therapiejahres endgültig „krebsfrei“ werden. – Hoffen darf man.

Anfang Januar ging’s körperlich …. weiter ? … von vorne los?

Jedenfalls schwoll die linke Brust und nur der Oberkörper drum herum an, wurde rot und heiß, tat aber nicht weh. – Was denn nun schon wieder?? Da dieser Umstand von selbst nicht zurück gehen wollte, sondern weiter anschwoll, machte ich mich nach einer Lymphdrainage Mitte Januar direkt auf den Weg zur Gyn, die per Ultraschall allerdings keine Ursache erkennen konnte. Praktisch über Nacht erhielt ich für den nächsten Tag einen Termin im Brustzentrum Singen beim Chefarzt, der mich auch schon 2017 operiert hatte.

Auch er hatte allerdings keine Antwort parat, warum ich einseitig Schwarzeneggers Brustmuskel imitierte, sodass wir fürs Erste von einer Entzündung ausgingen, der mit einer 6-tägigen Antibiotikagabe sowie Lymphdrainage (nun auch dort) begegnet wurde. – Die Schwellung ging etwas zurück. Röte und Wärme blieben, Schmerzen traten weiterhin nicht auf.

„Inventur“ nach zweimaligem Kampf gegen Brust- und Lymphknoten-Krebs …

Dafür gesellte sich ein neuer „Weggefährte“ zu uns: fast parallel zur Schwellung ertaste ich links am Übergang von Hals zu Nacken einen (Lymph)Knoten. Beim Kontrollschall zur Schwellung, inklusive abermalige Biopsie, ging die Doc auch darüber und es stellte sich heraus, dass dieser Lymphknoten eine verbreitere Rinde aufwies, was zu 99% ein Indiz für cancer inside war. – Na, bravo!

Da waren sie wieder, meine drei Probleme … Ok, lieber Biopsie, als Autopsie.

Kommen wir nun zurück, zu den Anfangs gezeigten Bildern: obwohl ich mir im Dezember darüber bewusst war, dass es möglicherweise wirklich nur eine Pause sein könnte, so hoffte ich doch, es wirklich wieder geschafft zu haben. Nun aber den Krebs, genau genommen innerhalb meines Körpers, sehen und berühren zu können, war nochmal eine ganz andere Hausnummer, die sogar mich aus den Schuhen katapultierte. Es ist ja nicht so, dass man sonst keine Probleme oder Sorgen hat, respektive gemacht bekommt …

Allein die Höchstwahrscheinlichkeit, dass dieser auffällige Lymphknoten Krebs beherbergt, war für mich Grund genug, in arge Selbstzweifel (es ein drittes Mal nicht zu schaffen) und große Besorgnis (was wird aus meinem jungen Hund?) zu stürzen.

Die im Januar ausgeschlichenen „Happydrops“ wurden geradewegs zurück gepfiffen und zeitweise sogar zwei, statt dem täglich üblich einem, genommen.

Meine Überlegung, gleich wieder mit dem Rest meiner Chemotabletten anzufangen, um schon mal erste Schritte einzuleiten, wurden von meinem Onko-Doc negiert. Ich sollte den Biopsiebefund von unter der linken Brustnarbe sowie das Kontroll-CT Mitte März abwarten.

In der linken Brust, unter der OP-Narbe von 2017, hatte sich etwas gezeigt, dass leicht mit einem Tumorherd verwechselt werden konnte. Stattdessen handelt es sich aber zum Glück nur um verändertes Fettgewebe, welches abgestorben bzw. am Absterben ist, da die Blutzufuhr aufgrund des Narbengewebes gestört bis gekappt ist.

Der März wird abenteuerlich und spannend zugleich, denn dann finden wieder alle möglichen Untersuchungen und Kontrollen statt.

Zur Einstimmung auf den Marathon gönnen wir uns eine Darmspiegelung (in der Hoffnung, endlich eine Erklärung für die Unterbauchbeschwerden zu erhalten). Im Anschluss schauen wir beim Onko-Doc rein, lassen etwas Blut da. Tags drauf statten wir dem Proktologen einen Besuch ab (die Analfissur scheint sich aufgrund der ausgesetzten Chemo, zumindest spürbar, recht gut erholt zu haben). Mitte März dann das Kontroll-CT von Nacken bis Becken und gegen Ende des Monats gibt’s wieder ein Gespräch mit dem Onko-Doc über den nächsten Fahrplan.

Tja, und dann bzw. zusätzlich habe ich schließlich noch etwas zu klären, da ich weder Kraft, noch Nerven mehr habe, neben all dem Krebsscheiß auch noch künstlichem Streß ausgeliefert zu sein.

*in diesem Sinn*
Eure Sandra

2 Comments

  • Monika Ross

    Hallo, wir haben uns heute auf dem Feld in Markelfingen gesehen. Toll, mit welchem Galgenhumor sie das teilweise sehen. Denke, das macht vieles einfacher.
    Für die Zukunft alles erdenklich Gute, Kraft und Energie. Wir sehen uns, Monika Ross

    • Die Zeller

      Liebe Monika, ich freue mich über Ihre Nachricht und auch, dass ihr wieder da seid. Bis bald wieder. LG, Sandra

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